für Ruth

Sie vermisste die Sonne. Den leuchtend blauen Himmel über ihr. Blau, wie ihre Augen. Doch augenblicklich war er wolkenverhangen, graue Wolken, die lediglich ein gebrochenes Licht zuließen.
Ruth strich mit einem Finger über die Scheibe ihres Fensters.
Manchmal setzte sie sich ans Klavier und schloss die Augen, dann dachte sie so fest an den Sommer, dass sie ihn fast spüren konnte, und sie stellte sich vor, wie die Strahlen der Sonne ihre Nase kitzelten. Dann legte sie ihre Hände sacht auf die Tasten und spielte, spielte immer weiter, bis sie etwas fühlen konnte. Bis sie sich in der Anordnung von Noten, in der Melodie wieder fand.
Sie konnte das sehr gut. Klavierspielen. Ihre Eltern hatten es bereits früh begeistert festgestellt und keine Kosten und Mühen gescheut, damit sie eine gute, eine sehr gute Ausbildung erhielt.
Und sie wollten, dass sie Bach spielte und Beethoven und Chopin.
Aber Ruth wollte es nicht.
Sie konnten nicht verstehen, wie sehr sie sich nach der Sonne sehnte.
Konnte man etwas vermissen, dass man noch nie gesehen hatte? Sie konnte es.
Natürlich hatte sie die Sonne schon einmal gesehen. Aber das war nur eine vage Ahnung, die sie umso schmerzlicher nach dem Sehnen ließ, was sie eigentlich wollte.
Ja, sie konnte es nicht einmal in Worte kleiden, was sie meinte, weshalb ihre Eltern sie erst recht nicht verstanden.
Sonne. Das war mehr als etwas, um das die Erde sich drehte. Sonne, das war ein Stern, der eine Explosion der Farben hervorrufen konnte. Sonne, dass war warmes, weiches Licht.
Sonne, das war Hoffnung, die sich behaglicher Ruhe und zugleich in hitziger Leidenschaft manifestieren konnte, das war etwas, dass sogar Staubkörner in glitzernde Funken verwandeln konnte, es war etwas, wonach die Menschheit von jeher nach strebte.
Es war so viel mehr als etwas, dass auf der Wetterkarte gezeigt wurde.
Manchmal war es ihr, als müsse sie weinen. Weil niemand sie verstehen konnte oder wollte und weil sie sich nicht helfen konnte. Auch, weil die Sehnsucht ihr bisweilen die Kehle zuschnürte.
Aber dieser Morgen war anders.
Sie spürte es bereits als sie erwachte. Sie öffnete die Augen und war sogleich hellwach, sah alles mit klareren Augen. Sie stand auf und ging ans Fenster.
Grauer Himmel, ein schwerer Vorhang vor ihrem Sehnen.
Sie zog ihr grünes Kleid an. Ihre Mutter hatte ihr gesagt, dass dies ein Kleid für einen besonderen Anlass sein sollte.
Für sie war es ein besonderer Anlass.
Sie lief die Treppen des kleinen Hauses hinab. Ihre Eltern schliefen noch. Es war früh am Morgen, der heute leise graute und ganz sacht.
Sacht berührte sie auch den Kopf einer Blume, die eben diesen traurig hängen ließ.
Sie kniete sich hin und sprach leise zu ihr. Es war eine Sonnenblume.
„Ich weiß, dass du sie vermisst. Du wendest deinen Kopf hin und her und kannst sie doch nie festhalten, nicht wahr? Vielleicht bist du die einzige, die mich versteht. Du kannst nicht laufen, aber ich schon. Ich werde die Sonne jetzt suchen.“
Und die Sonneblume wisperte als sie ging: „Lauf nur. Lauf, Mädchen.“
Ruth wusste nicht so recht wohin. Aber sie wusste, dass sie die Sonne nicht finden würde, wenn sie lief, denn die Sonne lief schneller als sie.
Also setzte sie sich in einen Zug. Der Schaffner fragte sie, wohin sie wolle.
„Ich weiß noch nicht“, antwortete Ruth, „Ich suche jemanden.“
„Und woher willst du dann wissen, wann du aussteigen musst?“
„Ich werde es wissen“, lächelte sie. „Ich werde aussteigen, wenn ich sie am Bahnsteig sehe.“
Sie setzte sich in ein Abteil. Es war leer. Sie setzte sich ans Fenster und stützte den Kopf auf den Arm.
Sie begann zu träumen, wandte ihre Aufmerksamkeit aber nie ab von der Landschaft, die an ihr vorbeizog.
Die Zeit verrann und das Abteil wurde immer voller. Laute Menschen, Kinder, die jauchzten und Mütter, die versuchten, sie zu bändigen.
Junge Mädchen, die mit ihren Freundinnen telefonierten und zugleich den Jungen mit den wilden Haaren musterten, der allerdings nur auf seine Musik achtete und mit leerem Blick auf die Wand starrte.
All das bekam Ruth nicht mit. Sie suchte.
Doch je länger sie suchte, desto geringer wurde ihre Hoffnung. Sollte sie sich letzten Endes doch in etwas verrannt haben?
Sie krallte die Finger in die Riemen des kleinen Rucksacks, den sie mitgenommen hatte, ballte die Hände dann zu einer Faust.
Nein, sie konnte sich nicht irren. Sie würde sie finden.
Trotzdem stiegen Tränen in ihre Augen. Ganz schnell blinzelte sie sie weg.
„Alles in Ordnung mit dir?“, fragte sie eine Frau. Sie hatte auch eine kleine Tochter dabei, aber die war auf ihrem Schoß eingeschlafen.
Ruth nickte nur, ohne dabei den Blick vom Fenster zu wenden und die Frau dachte schon: „Wie unhöflich.“
Dann aber erhellte plötzlich ein Lächeln Ruths Gesicht, dass die Frau ihren bösen Gedanken bereuen machte, es reichte bis zu ihren blaugrauen Augen.
Das war die Frau nicht gewohnt, dass man auch mit den Augen lächelte.
„Ich muss jetzt hier raus“, erklärte Ruth, nahm ihren Rucksack und stieg aus.
Der Zug fuhr ab und sie atmete tief durch. Sie schlug irgendeinen Weg ein, es war eigentlich egal welcher. Aber sie nahm den, der am einsamsten aussah, weil ihr Herz ihr sagte, dass sie hier richtig wäre.
Die Luft wurde milder, je weiter sie ging. Und schließlich, als hohe Kiefern den kleinen Weg umschlossen, setzte sie sich hin, mitten darauf.
Es duftete gut. In der Ferne wogten goldene Weizenfelder. Sie konnte nicht verstehen, dass Menschen ans Meer fuhren, wenn es sie nach Sonne verlangte.
War sie sich des Sommers doch nie mehr gewahr gewesen als in diesem Augenblick.
Ein Marienkäfer setzte sich auf ihre Hand. Sie betrachtete ihn und sah ihm hinterher, als er weiter flog. In ein ungewisses Schicksal.
„Hey, was machst du da?“
Ruth zuckte zusammen und drehte sich um. Dort stand ein Junge, die Hände in die Hüften gestemmt, die Stirn gerunzelt.
„Ich suche die Sonne.“, antwortete sie.
„Mach das woanders, dass hier ist mein Stück des Weges! Du kannst ja da vorne hingehen.“
„Ich möchte aber hier bleiben.“
„Das geht aber nicht.“
„Gibt es wirklich keine Möglichkeit, dass ich hier bleiben darf?“
„Es ist Gesetz der Götter!“, erklärte der Junge.
„Welcher Götter denn?“
Er zuckte die Schultern. „Ich weiß nicht. Aber es ist so.“
„Und diese Götter wollen nicht, dass ich hier sitze?“
Stumm und ernst schüttelte er den Kopf.
„Das ist schade.“ Und ihrer Stimme entnahm er ehrliche Trauer.
„Aber… wenn du so gern möchtest… wenn du meine Frau wärst, dann wäre mein dein. Dann dürftest du hier auch sitzen.“
Jetzt war Ruth es, die die Arme verschränkte.
„Willst du mich heiraten?“
„Ich heirate doch niemanden, dessen Namen ich nicht kenne!“
„Ich kenne deinen doch auch nicht“, grinste der Junge. „Ich heiße aber Robert.“
„Hm.“
„Also, heiratest du mich jetzt?“
„Na gut, von mir aus.“
„Du musst sagen ‚ich will’, sonst ist es nicht rechtskräftig!“
„Na gut. Ich will.“
„Cool, dann sind wir jetzt verheiratet! Und wie heißt du eigentlich?“
„Ruth.“
„R und R“, stellte er zufrieden fest, „Das passt doch gut!“
„Ist es hier immer so…?“ ruhig, wollte Ruth fragen, aber plötzlich hörte sie irgendwo in der Ferne ein Klavier spielen.
„So was?“
„Pscht. Hör mal.“
„Das ist ein Klavier.“
„Ich weiß.“
„Warum soll ich dann hören?“
„Weil du mir sagen sollst, woher es kommt. Ich möchte dahin. Ich möchte auch spielen.“
„Das darfst du aber nicht! Das ist ein Konzert.“
„Ich möchte bitte.“, beharrte Ruth.
„Na gut, aber nur, weil du meine Frau bist.“ Robert gab sich geschlagen und führte sie den Weg entlang und zu einem alten Herrenhaus. Es war riesig und die gespielten Töne hallten durch das ganze Gebäude.
Am Klavier saß ein alter Mann. Ernst und streng war seine Miene, aber er spielte das Stück so sanft und doch mit Nachdruck, dass Ruth ihren Wunsch zunächst vergaß.
Auf den Stühlen vor dem Klavier saßen wohlhabende Menschen, ihrer Kleidung nach zu urteilen, und sie waren alle viel älter als Ruth und Robert.
Aber das spielte in dem Moment keine Rolle.
Die großen Fenster waren weit geöffnet. Auf dem Klavier standen keine Noten, der Mann brauchte sie nicht, er konnte es auswendig spielen. Er wollte auch nicht von den Noten spielen. Er wollte mit ihnen spielen.
Als er endete klatschten alle laut, aber Ruth war zu fasziniert um zu klatschen.
„Robert, was hast du da für einen Gast mitgebracht?“, fragte eine Frau, die wohl seine Mutter war. „Das Mädchen ist sehr unhöflich, sie applaudiert gar nicht.“
Das war schon das zweite Mal an diesem Tag, dass Ruth als unhöflich bezeichnet wurde – aber das konnte sie nicht wissen.
Doch auch dieses Mal strafte Ruths Lächeln Roberts Mutter Lügen.
Sie setzte sich wie selbstverständlich ans Klavier, denn der Mann war mittlerweile aufgestanden um sich zu verbeugen, schloss ganz fest die Augen und sehnte die Sonne herbei.
Und plötzlich war da eine Melodie in ihr von ungeahnter Schönheit. Sie legte sacht, ganz sacht, die Finger auf die Tasten des schwarzen Flügels. Fast traute sie sich nicht zu spielen, hätte sie doch alles zerstören können, mit einem falschen Ton die Melodie vertreiben.
Aber sie spielte nicht falsch und sie vertrieb sie auch nicht.
Sie spielte genau das, was sie fühlte.
„Ein Bach. Sehr schön.“, sagte der Mann, der zuvor am Flügel gewesen war.
Erst wollte Ruth protestieren, Bach, so etwas würde sie doch nicht spielen, in so etwas lag doch keine Sonne.
Bis ihr auffiel, dass der Mann Recht hatte.
Und dann erkannte sie etwas. Nicht Bach, Beethoven und Chopin waren diejenigen gewesen, die die Sonne in ihren Werken verkannt hatten.
Sie war es gewesen. Sie hatte nur nicht gewusst, wo sie suchen musste.
Als das Stück endete war sie ganz erfüllt von ihrem Spiel.
Ihr Lächeln war sogar noch eine Spur breiter geworden.
Glück war in ihr, überschäumendes Glück, sodass sie nicht still stehen konnte, sodass sie sich im Kreis drehen wollte, immer und immer wieder, weil sie sonst Gefahr lief, zu explodieren, weil sich alles in ihr zusammenballte und ausdehnte zugleich, weil sie so berauscht war von all den Eindrücken um sie herum, die nie klarer waren als in diesem Augenblick, die sich nur auf diesen einen Moment zu konzentrieren schienen.
„Du bleibst nicht hier, oder?“, fragte ihre Ehemann traurig.
„Ich kann nicht“, wisperte sie, ganz sprachlos vor Glück. „Ich muss jemanden finden.“
„Die Sonne?“
„Nein, die habe ich gerade gefunden. Aber ich muss einer Blume davon erzählen.“
„Aber du kommst wieder?“
„Ich muss doch meinen Bräutigam besuchen kommen.“, erklärte Ruth.
Dann machte sie Anstalten aus dem Fenster zu steigen.
„Hey! Hey, du kannst nicht einfach so aus dem Fenster!“
„Warum denn nicht?“, fragte Robert.
„Es ist gefährlich und außerdem… macht man so was nicht.“
„Aber du siehst doch, dass sie es kann, Mama!“
Und sein Lachen war das letzte, was Ruth hörte, als sie auf den Hof des Herrenhauses sprang.
Dann rannte sie wieder auf den Weg, rannte weiter, immer weiter.
Sie war jetzt genauso schnell wie die Sonne. Denn eben jene trug sie in sich, in ihrem Herzen.
Und unter ihren Füßen stob Sand und Staub auf, hoch hinauf. Und die Staubkörner tanzten als glitzernde Funken wieder gen Erde.

von Jaelle


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