Okay : Wo zur Hölle war sie?
Das war die erste Frage, die sich ihr aufdrängte, als sie die Augen aufschlug und wider Erwarten nicht in ihrem Bett lag.
Sie blinzelte, erkannte einen wolkenverhangenen, grauen Himmel über sich – und in zehn Meter Tiefe ein Freibad unter sich. Was machte sie bei diesen Temperaturen in einem Freibad?!
Mit einem Mal wurde sie sich der Gestalten hinter sich gewahr. Sie fuhr herum und blickte in bis zur Unkenntlichkeit verzerrte Gesichter. Sie näherten sich ihr, lächelten und mit jedem Schritt, den sie näher traten, wurde deren gestelltes Lächeln breiter, jedoch erreichte es zu keinem Zeitpunkt ihre Augen. Immer weiter wich sie zurück, Angst bemächtigte sich ihrer, ließ ihren Puls rasen.
Sie hegte die Vermutung, dass diese Menschen keine guten Absichten hatten, und dies schien sich zu bestätigen, spätestens, als sie immer weiter Richtung Rand gedrängt wurde. Jetzt erst wurde sie sich der Gefahr bewusst.
Sie stand hier, auf dem höchsten Turm des Schwimmbads – und mit einem Blick nach unten stellte sie fest, dass, aus welchem Grund auch immer, kein Wasser in dem Becken war, in das sie nun zu fallen drohte, es sei denn… Doch jeder Gedanke an eine Alternative war zunichte, als jemand abrupt nach vorne schnellte und ihr einen Schubs versetzte. Zu überrascht war sie, als dass sie die Möglichkeit zur Gegenwehr gehabt hätte. Sie fiel… es wirkte so irreal und doch wurde ihr klar, dass ihr Untergang nun besiegelt war. Untergang… wie ironisch war dieses Wort in Zusammenhang mit ihrer, gelinde ausgedrückt misslichen Lage, gab es doch nichts, in dem sie hätte untergehen können. Wie eine Puppe musste sie aussehen, eine Puppe, die unachtsam auf dem überladenen Spielzeugtisch eines Kindes gelegen hatte und nun im Begriff war, auf dem harten Boden zu zerschellen. Und da waren überall Menschen, Gaffer, die das Schauspiel beobachteten.
Überall war Lachen, während sie schneller und schneller gen Boden raste.
„Nein!“, schrie sie, „Nein! Oh mein Gott!“
Und plötzlich verschwamm alles vor ihren Augen.
Bevor sie aufschlagen konnte, spürte sie eine Art Sog, der sie mitriss und vor dem sicheren Tod bewahrte.
Ihr Puls beruhigte sich langsam, während ihre Verwirrung zunahm. Was war gerade geschehen? Und – was erwartete sie nun?
Es war warm hier, stellte sie fest. Und sie hatte keinen festen Boden unter den Füßen.
Ihre Umgebung nahm klarere Formen an. Sie befand sich wieder in einer Art Becken, jedoch schien es nicht mit Wasser gefüllt, sondern… Duschgel. Einem sehr dickflüssigen Gel. Mit Erschrecken stellte sie fest, dass es ihr nicht möglich war, Arme und Beine frei zu bewegen, geschweige denn zu schwimmen. Es war lauwarm, nicht warm, aber auch nicht kalt, und der viel zu intensive Geruch nach Magnolien erinnerte sie an eine ältere Dame, die zu viel Parfum aufgelegt hatte, um den unverkennbaren Geruch des Alters zu übertünchen. Er vernebelte ihr Gehirn und ließ sie keinen klaren Gedanken mehr fassen. Sie schnappte nach Luft, doch ihr Gewicht zog sie unweigerlich nach unten, sie sank immer weiter, ihr Oberkörper verschwand in der trüben Brühe, ihre Hals, ihr Kinn… „Oh mein Gott…“, keuchte sie, als der Geschmack von Seife ihren Mund erreichte.
Im nächsten Augenblick ertasteten ihre Handflächen weiches Gras. Überrascht fuhr sie hoch.
Kleine Vögel flogen an einem fliederfarbenem Himmel und mit jeder Bewegung ihrer zierlichen Schwingen stoben goldene Funken in alle Richtungen. Das Gras, auf dem sie stand, war nicht nur als weich, sondern fast schon als flauschig zu bezeichnen und es leuchtete in einem knalligen Pink. Angewidert verzog sie das Gesicht, als sie erkannte, dass dicke Büschel Zuckerwatte von den silbernen Ästen der Bäume hingen und spätestens als sie die kleinen, singenden Geschöpfe, die sie umkreisten als Elfen identifizierte, wurde ihr klar, dass sie hier weg musste. Sie bedachte, was zuvor geschehen war. Kurz bevor sie ihr tragisches Ende gefunden hatte, hatte sie noch die Gelegenheit gehabt Eines zu äußern – „Oh mein Gott.“ Ein Lächeln glitt über ihre Lippen. Das musste es sein. Das war der Schlüssel, das Kommando, durch das sie jedem dieser alptraumhaften Szenarien entfliehen konnte. Ein glitzerndes Einhorn galoppierte über die Wiese und geradewegs auf sie zu, doch bevor ihr schlecht werden konnte von all dem Kitsch hatte sie es bereits ausgesprochen.
Und wieder wechselte der Ort des Geschehens.
Sie stand auf einem mittelalterlichen Marktplatz. Es war ein fröhliches Treiben hier, Feuerspucker und Jongleure zeigten ihre Kunstfertigkeit, während Händler laut ihre Waren anpriesen. Als sie jedoch ihren Blick nach oben wandte, sah sie ein Objekt – es brannte, loderte hell und näherte sich ihr weit schneller als ihr lieb war. Ein Komet, erkannte sie entsetzt und sah sich um. All die Menschen… und sie waren sich in keiner Weise der nahenden Gefahr bewusst.
„Hier! Schaut doch! Seht ihr es denn nicht?!“ Sie wies mit ihrem Finger gen Himmel. Doch niemand machte sich die Mühe, sich zu ihr umzudrehen, und das verärgerte sie. Zumal der Komet immer näher kam. „Hallo! Seid ihr taub? Seid ihr blind? Ein Komet! Wir werden alle sterben, wenn…!“ Keine Reaktion. Das durfte doch nicht wahr sein, die taten ja gerade so, als wäre sie gar nicht vorhanden! Für einen kurzen Moment spielte sie mit dem Gedanken, einfach zu verschwinden. Doch dann schaltete sich ihr Gewissen ein und sie wusste, sie würde es ihr Leben lang bereuen wenn sie jetzt ginge. Also versuchte sie es von neuem. Mit dem gleichen Ergebnis: Niemand nahm Notiz von ihr.
Dann aber, so als wäre ihr Schutzwall durchbrochen, wandten sich alle zu ihr, ein Kreis der Neugierigen bildete sich um sie. Endlich, schoss es ihr durch den Kopf und öffnete den Mund um etwas zu sagen – doch kam kein Ton heraus. Nein! Nein, nein, nein!, schrie sie innerlich. Tränen rannen über ihre Wangen, als sie versuchte, irgendetwas zu sagen, versuchte zu Brüllen. Und der Tränenstrom floss unaufhaltsam, als nun die ersten begannen, sie zu verspotten. Dröhnendes Lachen hallte in ihrem Schädel wieder, den sie nun mit ihren Händen umfasste. Sie hockte sich auf den Boden, machte sich ganz klein.
Und immer noch raste der Komet auf sie zu. Sie wollte hier weg, nur weg, und keiner konnte sie hören, keiner verstand, was sie sagen wollte. Ihr wurden nur Verachtung und Spott entgegen gebracht. Oh mein Gott!, dachte sie, blind vor Tränen, vor Zorn, vor Scham. Der Satz nahm all ihr Denken ein, wurde nahezu physisch greifbar für sie. Sie wiegte sich hin und her, vergrub den Kopf zwischen ihren Beinen und presste ihren Körper so eng es ging an sich. Sie stoppte erst, als sich eine Hand auf ihre Schulter legte.
Erschrocken blickte sie auf – und sah geradewegs in zwei sanfte und zugleich unergründliche graue Augen. Ein Mann stand vor ihr und lächelte sie an, half ihr dann vorsichtig aufzustehen.
„Wo… bin ich?“, fragte sie, endgültig und absolut verwirrt.
„Zu Hause“, antwortete er und zog sie in seine Arme. Sie ließ es geschehen und schmiegte sich an ihn. Als sie sich wieder voneinander lösten musterte sie nicht nur ihr Gegenüber sondern auch ihre Umgebung. Ein schmaler Fluss zierte den Wald, indem sie stand. Das dichte Laubwerk der alten Bäume leuchtete in den Silhouetten des Herbstes. Ein silberdurchwirkter Tag, dachte sie, denn das war die einzige Beschreibung, die ihr im Augenblick passend schien.
Und vor ihr stand der Mann ihrer Träume. Er ergriff ihre Hand, kniete vor ihr nieder und bedachte sie mit einem ruhigen Blick. „Willst du mich heiraten?“
„Oh mein Gott“, flüsterte sie mit heiserer Stimme und Tränen des Glücks zierten ihre Wangen.
Bis plötzlich alles um sie herum verschwamm, ein unbarmherziger Sog sie ergriff und mit sich zog, wer weiß wohin. „NEIN!“, schrie sie.
Doch es war bereits zu spät.

von Jaelle


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