Sie ging an ihm vorbei und ihr süßer Geruch ließ ihn zusammenzucken.
Ein Meter… zwei Meter… dann drehte sie sich um. Blickte ihm geradewegs in die Augen.
Was wollte er von ihr? Sie hatte seinen Blick in ihrem Nacken gespürt, er war nahezu physisch greifbar gewesen.
Und was waren das für Augen, in die sie nun blickte. Grau, fest und vertrauenswürdig – und zugleich hatten sie eine unergründliche Tiefe. Die wirren, schwarzen Haare die ihm ins Gesicht fielen machten sein scharf geschnittenes Gesicht nur noch attraktiver.
Er war keineswegs der Typ Mann, den sie sonst vorzog. Und vielleicht war es gerade das, was sie zweimal hinsehen ließ.
Er bemerkte sofort ihre Verwirrung, sah, wie sie ihre Stirn in Falten legte, sich in einer fließenden Bewegung umdrehte und wegging.
Und, verdammt, er würde sie nicht so schnell vergessen können. Trotzdem nützte es nichts. Er ging weiter seines Wegs und zur Arbeit.
Umso überraschter war er, als er sie in der letzten U-Bahn entdeckte. Keine Menschenseele saß um 3 Uhr morgens hier, alle Plätze waren frei. Trotzdem setzte er sich auf den, der ihrem genau gegenüber lag.
Er musterte sie amüsiert, bis sie ebenfalls den Blick hob.
„Ist das der richtige Ort für eine junge, attraktive Frau?“, fragte er.
„Ist das die richtige Zeit für blöde Fragen?“, schoss sie zurück.
„Offensichtlich nicht.“, schmunzelte er, machte aber keine Anstalten, sie nicht weiter zu beobachten.
Ein Schauder lief ihr über den Rücken.
„Was ist?“, blitzte sie ihn wütend an.
„Es ist nur…“ Er fand selbst keine Worte dafür.
Sie hatte etwas an sich, etwas, das ihn unwiderstehlich anzog. Verlangen durchströmte ihn – und nicht nur ihn.
Sie wollte aufstehen, verstand nicht, wieso ihre Gefühle durch einen Fremden so in Aufruhr zu bringen waren. Sie, die sich immer unter Kontrolle hatte.
In diesem Moment machte die U-Bahn einen Ruck und sie landete auf ihm.
Nie hätte einer von beiden die heftige Reaktion voraussagen können, die auf diesen Zusammenstoß folgte.
Ohne darüber nachzudenken legte er seine Hände an ihre Taille, suchte sie Halt, indem sie ihre Arme um seinen Hals schlang – und konnte nicht verhindern, dass ihre Libido ganz und gar aus dem Gleichgewicht gebracht wurde.
Der Widerstand, den sich plötzlich spürte, ließ ihr keinen Zweifel daran, dass er diese Position nicht gerade unangenehm fand , ließ sich auch keinen klaren Gedanken fassen.
„Ich schätze es nicht, auf fremden Männern herum zu turnen.“ Ihre Stimme war rau und brachte ihn endgültig um den Verstand.
„Ich heiße Ruben.“, sagte er, leise, und bedachte sie mit einem gefährlichen Blick, der seine Leidenschaft kaum verhehlte.
„Schön für Sie. Ich würde ganz gerne aufstehen.“ Seine Hände hinderten sie im Augenblick daran.
„Wenn Sie das wünschen.“, antwortete er gelassen.
Es wäre eine glatte Lüge gewesen, und sie war eine miserable Lügnerin, also machte sie sich einfach frei und stand auf.
Ihr Kopf war noch total vernebelt, sie fühlte sich, als hätte sie zu viel getrunken.
Gerade als sie in ein anderes Abteil gehen wollte, ging das Licht aus.
Irgendetwas schien mit dem Strom nicht zu stimmen – dennoch wollte sie weitergehen. Es war eine ganz schlechte Idee, mit diesem Ruben weiterhin auf so engem Raum zusammen zu sein.
Dachte sie… doch da wurde sie auch schon an der Hand gepackt und herum gerissen. Sie fühlte sich an eine breite Brust gezogen.
Ruben. Oh ja, sein Geruch hatte sich ihr eingeprägt.
„Was wird das?“, fragte sie, immer noch nicht bereit, sich von ihren Gefühlen, ihrem Verlangen leiten zu lassen.
„Mach dich nicht lächerlich.“, erwiderte er. Seine Stimme war rau, sie spürte seinen Atem auf ihr.
Sein herber Geruch umfing sie, als er sie in seine Arme zog.
Und sein Kuss war wie eine Explosion der Sinne.
Derer sie beide im Übrigen nicht mehr Herr waren.
Nach dem ersten Moment der Überraschung war sie keineswegs mehr untätig, sondern erwiderte den Kuss sehr aktiv. Er knabberte an ihrer Unterlippe, sie konnte ein Stöhnen nicht unterdrücken.
Ihre Hände rissen an dem Stoff seines Hemdes, sie wollte seine Haut ertasten, wollte um jeden Preis fühlen, spüren – ihn spüren.
Dies hatte hier nichts, aber auch gar nichts mit Zärtlichkeit zu tun.
Sie vergrub ihre Finger in seinem dichten Haar, während er mit seinen Lippen ihren Hals hinab glitt, ihre nackte Haut liebkoste, etwas, was er sich bereits vom ersten Augenblick an gewünscht hatte.
Seine Hände verweilten auf ihren Brüsten, erkundeten dann ihren Rücken.
Unzählige Schauer überliefen sie, während er ihren Mund plünderte.
Und dann war da plötzlich ein stetiges Rütteln an der Tür.
„Hallo? Alles in Ordnung?!“
Sofort fuhren die beiden auseinander, bevor ein Schaffner mit einer Taschenlampe hereinkam.
Er sah sehr müde aus – kein Wunder, immerhin war es schon weit nach drei.
„Wir hatten einige technische Störungen“, entschuldigte er sich, „Aber in wenigen Minuten müsste das Licht wieder angehen.“
Und tatsächlich, eine plötzliche Helligkeit tauchte die Kabine in grelles Licht.
Ihr Blick war noch verhangen, stellte er fest. Und die Lust in ihren Augen war noch unverhohlen.
In wenigen Sekunden hätte sie sich wieder gefasst, nahm er an, hatte, zumindest ihr Auftreten, wieder unter Kontrolle.
Etwas flackerte in ihren Augen, als sie sich von ihm abwandte, offenbar musste sie hier aussteigen.
„Wie heißt du?“, rief er ihr hinterher.
Erst sah es so aus, als würde sie, ohne weiter Notiz von ihm zu nehmen, weitergehen. An der Tür jedoch zögerte sie.
Wenn sie sich jetzt umdrehte…
Sollte sie es trotzdem tun?

Sie haderte mit sich selbst, gab dann aber doch nach.
Zu fasziniert hatte sie der Blick aus seinen grauen Augen, zu fasziniert hatte sie sein Geruch… alles an ihm.
„Maggie.“, sagte sie und drehte sich zu ihm hin.
Seine Augen lächelten sie freundlich an, aber nicht nur Freundlichkeit sprach aus ihnen, sondern auch eine Spur… Zärtlichkeit.
Sie vermochte nicht zu sagen, was sie mehr verwirrte.
„Und wann werden wir uns wieder sehen, Maggie?“
Sie zuckte die Schultern. „Möglicherweise nie.“
„Das wäre zu schade. Denn in diesem Fall müsste ich dir nun den ganzen Weg bis zu dir nach Hause nachschleichen, und ich bin so ein schlechter Stalker.“
„Ach, du kannst nicht alles? Kein Superman?“
„Ich fürchte nicht“, schmunzelte er, „Denn ich mag es nicht, mich nur auf das reine Beobachten zu beschränken.“
„Ich hatte so etwas im Gefühl“, murmelte sie.
Es bestand eine Spannung zwischen beiden, doch lange würde die Bahn nicht mehr halten, das war beiden klar.
Und sie musste hier aussteigen.
Was machst du hier überhaupt?, rief sie sich in Erinnerung.
Wissend, das sie wieder in seinem Netz gefangen wäre, würde sie sich abermals umdrehen, stieg sie aus der Bahn.
Nachdem diese abgefahren war prüfte sie doch, ob ihr jemand gefolgt war. Und stellte frustriert fest, dass sie alleine hier stand.
Und wenn das nun deine große, deine einzig wahre Liebe war?
„Scheissgedanken“, murmelte sie, „Das hätte euch ja auch mal früher einfallen können.“
„Was?“, fragte eine amüsierte Stimme neben ihr.
Sie schrak zusammen: „Huch! Was… Oh Gott, hast du mich erschreckt!“
„Hast du allen Ernstes geglaubt, ich hätte dich einfach so gehen lassen?“, fragte Ruben mit einem schiefen Grinsen.
„Ehrlich gesagt – ja.“
„Falsch gedacht.“
„Wäre mir jetzt ohne den freundlichen Hinweis nicht aufgefallen.“
„Dafür hast du ja mich hier.“
Wider Willen musste sie lachen. Er hatte eine so unbekümmerte Art.
Während ihres Kusses jedoch war davon nichts zu erkennen gewesen.
„Wann.“, fragte er, und doch klang die Frage mehr wie ein Befehl.
„Ich weiß nicht.“
„Kein: ich weiß nicht. Ich weiß nicht bedeutet, dass du mich irgendwann vergisst. Und das will, das werde ich nicht zulassen.“
„Du hast eine zu hohe Meinung von dir selbst“, schnaubte sie.
„Das kannst du doch nicht wissen“, lächelte er, „Aber ich gebe dir gerne die Gelegenheit, es herauszufinden.“
„Wie großzügig.“
„Ich habe eine Schwäche für Sarkasmus.“ Er hielt sie an den Schultern fest, hinderte sie daran, einen weiteren Schritt zu gehen.
„Dieses Mal halte ich dich auf. Ich habe es schon einmal getan. Doch ich werde dich nicht gegen deinen Willen festhalten. Den nächsten Schritt musst also du tun.“, sagte er, leise.

Sie sagte nichts, stand nur da.
All das war so irreal, sie fühlte sich in einen Traum versetzt.
Und als sie nichts tat, nicht reagierte, drehte Ruben sich um und ging.
Er war keine fünf Meter weit gekommen, da bereute Maggie es schon. Doch ihr Stolz verbot es ihr, ihm jetzt noch nachzurennen.
Ach, zum Teufel mit dem Stolz. Sie ging hinter ihm her, darauf bedacht, unbemerkt zu bleiben.
Sie folgte ihm über einen schmalen Waldweg, hin zu einem großen Haus.
Er schien dort alleine zu leben, zumindest war keines der Fenster erleuchtet.
Er schloss die Türe auf und trat ein.
Er schien müde zu sein, zumindest ging er geradewegs in ein Zimmer, das sein Schlafzimmer zu sein schien und öffnete die Fenster weit.
Sie konnte seine Vorliebe für die kühle Würze der Nachtluft nachvollziehen, es war herrlich draußen.
Im Schatten der Bäume blieb sie von ihm unbemerkt, als sie beobachtete, wie er sich umzog.
Einerseits war es ihr peinlich, andererseits siegte ihre Neugier über die natürliche Scham.
Sie sah, wie er seinen muskulösen Oberkörper entblößte, den sie noch wenige Minuten zuvor zum erzittern gebracht hatte, und verspürte das Bedürfnis, es wieder zu tun.
Nachdem er sich hingelegt hatte, blieb sie noch eine Weile stehen, unschlüssig darüber, was sie jetzt tun sollte.
Ihn noch ein Mal sehen, schoss ihr durch den Kopf.
Sie verdrängte, dass sie sich das an diesem Tag bereits mehrmals gesagt hatte. Zu oft um genau zu sein.
Und so schlich sie sich tatsächlich wie eine Diebin in sein einladend geöffnetes Fenster.

Er schlief ganz ruhig.
Sie selbst konnte nie ruhig schlafen, wimmerte, wälzte sich umher. Wurde von ihren Alpträumen verfolgt.
Fasziniert beobachtete sie ihn, wie er dort lag, in weiches Mondlicht getaucht.
Sie zwang sich, von ihm abzusehen und betrachtete sein Zimmer.
Helle Wände. Überladene, aber ordentlich sortierte Bücherregale. Gut überschaubar, freundlich. Nicht kalt, auch nicht unpersönlich, doch… es verriet nicht besonders viel über ihn.
Es stand im krassen Gegensatz zu ihrem kreativen Chaos.
Das Zimmer war geschmackvoll eingerichtet und der Platz wurde perfekt ausgenutzt. Sie zweifelte nicht daran, dass es in jedem Teil des Hauses so aussehen würde.
Ein Haus für eine Person, sinnierte sie, Ist das nicht ein wenig übertrieben?
„Wer von uns beiden ist jetzt der Stalker?“
Sie wirbelte herum, er konnte den Schock in ihren Augen lesen.
Zwar verbarg es die Dunkelheit, doch er wusste, dass sie gerade aufs Heftigste errötete.
Er hätte ja viel erwartet, nicht aber, dass sie einfach so in sein Zimmer spazierte.
Er hatte allerdings bemerkt, dass sie ihm gefolgt war.
Vielleicht hätte er wütend auf sie sein sollen. Er war es nicht. Er war selten so froh gewesen, jemanden zu sehen.
Mit einem charmanten Lächeln machte er Anstalten, sich von seinem Lager zu erheben, doch sie bedeutete ihm, es nicht zu tun.
„Ich… weiß gerade nicht, was ich hier mache.“, sagte sie leise und zog mit unsicheren Handgriffen ihren Mantel aus.
„Scheint so“, murmelte er und betrachtete sie fasziniert.
Sie setzte sich zu ihm auf die Bettkante, vermied es, ihm ins Gesicht zu sehen.
Nervös strich sie sich die Haare hinter die Ohren.
„Also… oh Gott. Ich schätze das ist der absolut falsche Beginn.“
„Der absolut falsche Beginn für was?“
„Für alles. Vor allem aber für das, was sich zwischen uns anbahnt.“
„Und was bahnt sich da an?“, schmunzelte er.
„Das weißt du genau“, hauchte sie und starrte an die Wand.
„Im Augenblick sitzt du auf meiner Bettkante und schaust dir die Maserung meiner Wand an. Wirklich sehr hübsch, ich habe das Holz sorgfältig ausgewählt, aber trotzdem…“
„Sag bitte nichts.“, murmelte sie und beugte sich zu ihm hinunter, um ihm einen Kuss auf die Wange zu geben.

Es war eine süße, unschuldige Geste, doch zugleich so intim, dass sie eine Gänsehaut bekam.
Ihr Lippen verließen seine Wange nach einigen Minuten immer noch nicht, und als sie Anstalten machte, es zu tun, umfasste er ihr Gesicht, ihren Leib mit seinen Händen, mit seinen starken Armen und zog sie an sich heran.
Sie seufzte auf, klammerte sich an ihn und hielt sich an ihm fest.
Dann hielt er sie so weit von sich weg, dass er ihr ins Gesicht sehen konnte.
Sie konnte sich nicht satt sehen an ihm, stellte sie fest – nicht wissend, dass ihm genau derselbe Gedanke kam.
Und dann sagte sie etwas, wovon sie später nicht sagen konnte, warum sie es ausgesprochen hatte.
„Ich bin so müde.“
Es klang so erschreckend schwach, und er zog sie ohne ein weiteres Wort an seine breite Brust, behielt sie dort.
Da war keine leidenschaftliche Hitze, sie fühlte sich geborgen und sicher in seinen Armen.
Und das ist eine oft verkannte aber sehr anziehende Eigenschaft an einem Mann. Wenn er das Gefühl von Sicherheit vermitteln kann.
Sanfte Hände zerzausten ihr Haar, strichen es anschließend wieder glatt.
Sie fühlte sich wohl wie schon lange nicht mehr – oder noch nie, wie bizarr die Situation auch sein mochte.
Ein wohliges Seufzen entwich ihren Lippen.
Während er weiter mit einer Strähne ihres Haars spielte, beobachtete sie, wie das Licht durchs Fenster flutete. Wie Tiere der Nacht durch das Unterholz liefen, auf der Suche nach Nahrung.
Sie sagten beide nichts, bis zum nächsten Morgen, und irgendwann schlief sie tatsächlich ein.
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Als sie erwachte fühlte sie sich so gut wie schon lange nicht mehr. Sie streckte sich, blinzelte in die aufgehende Morgensonne – und stellte fest, dass sie nicht wusste, wo sie war.
„Oh Gott, wo zur Hölle…!“, entfuhr es ihr und mit einem Ruck richtete sie sich auf.
„Bist du?“, schmunzelte Ruben, der an der Tür stand.
„Ja. Ja, genau das wollte ich wissen.“
„Tja, ich habe dich nicht verschleppt, falls du das meinst. Wenn du dich erinnerst…“
„Ich erinnere mich“, murmelte sie und fasste sich an den Kopf, „Und ich müsste eigentlich auf der Arbeit sein und…“
„Arbeitest du immer Sonntags?“
„Nein. Ich… du bringst mich durcheinander!“
„Und vielleicht lag genau das in meiner Absicht.“, schmunzelte er und setzte sich zu ihr.
Bevor sie irgendetwas sagen konnte legte er eine Hand an ihre Wange und schenkte ihr einen Blick, der sie alles vergessen ließ.

In genau diesem Augenblick begann ihr vermaledeiter Magen lautstark zu knurren.
Er bedachte sie mit einem frechen Grinsen, für das sie ihn hätte verfluchen können. Gut, bei genauerer Überlegung tat sie das auch.
„Möchtest du vielleicht fürs Erste was Frühstücken?“
„Das… wäre nett.“
„Eigentlich mach ich so was ja nicht für Besucher, die sich bei mir eingeschlichen haben, aber in diesem speziellen Ausnahmefall…“
„Der da wäre?“
„Das du erwünscht bist.“
Wider Erwarten zog sich bei dieser Bemerkung ihr Herz schmerzhaft zusammen, vor allem, da es ernst gemeint war.
Er half ihr aus dem peinlichen Moment indem er ihr seinen Arm bot.
Lachend hakte sie sich bei ihm ein und zusammen gingen sie einen Raum weiter.
Auch die Küche befand sich im Erdgeschoss und sie war riesig – naja in jedem Fall übertrieben groß.
„Und du wohnst hier alleine?“, fragte sie überrascht.
„Sieht wohl so aus.“ Er zog eine Braue hoch.
Sie dachte an ihr zu Hause. Ein Schauer lief über ihren Rücken.
„Was ist mit dir?“ Besorgt legte er eine Hand auf ihre Schulter.
Wieso fielen ihm selbst kleinste Veränderungen an ihr auf, wenn nicht einmal ihre Mutter bemerkte, wenn es ihr schlecht ging?
Ohne zu Überlegen rannte sie aus der Küche, rannte aus der Tür und raus, ein Stück in den Wald hinein.
Nicht lange und sie kam auf eine Lichtung. Erst jetzt bemerkte sie, dass es stark regnete.
Das Prasseln auf ihrer Haut hauchte ihr eine vage Ahnung von Leben ein, in ihrer sonst so tauben Hülle.
Sie hatte es sich antrainiert, Gefühle jeglicher Art auszuschalten. Es beugte Schmerz vor. Das sie dafür des Nachts von Alpträumen gequält wurde nahm sie in Kauf.
Es ging nur um das Überleben. Einen Tag auf den anderen, immer das gleiche. Und jeden Abend war sie aufs Neue erstaunt, dass sie noch lebte.
Und jetzt schaffte es jemand, den sie nicht einmal wirklich kannte, sie derart aus der Fassung zu bringen?
Er beobachtete sie mit Sorge. Was war mit ihr los? Was ging in ihr vor? Er wünschte sich nichts sehnlicher, als den Schmerz, der sich offenkundig in ihr verbarg, zu tilgen.
Vorsichtig drehte er sie zu sich hin und erkannte zu seinem Entsetzen Tränen in ihren Augen.
Sie war kein Mensch der oft weinte, der oft Gefühle zeigte, so viel wusste er über sie. Hatte er von Anfang an gewusst.
Ohne jede weitere Frage nahm er sie in seine Arme und rettete sie damit vor dem, was mit einem Mal über ihrem Kopf hereinbrach.
Sie sog die Hitze seines Leibs begierig auf, ging dann aber ein Stück zurück.
Er schmeckte auch den Regen, als sich ihre vollen Lippen auf die seinen pressten.
Vor allem aber schmeckte er sie, und er vergrub seine Finger tief in ihren weichen fallenden Haaren.

Wahrscheinlich hätte ihn die Intensität ihres Kusses nicht mehr überraschen sollen – sie tat es dennoch.
Sie klammerte sich an ihn wie eine Ertrinkende, brauchte ihn.
Das Regenwasser tropfte an ihnen beiden hinab, die Kleidung klebte ihnen eng am Körper und ließ ihn die Konturen ihres wundervollen Körpers deutlicher wahrnehmen.
Er knabberte an ihrer Unterlippe, und sie zog ihn auf den Boden hinab.
Sie zerrte an seinem Hemd, zog es ihm von den Schultern, so wie er es mit ihrem Kleid tat.
Der harte Stoff seiner Jeans rieb an ihrem Körper, als er sich über sie beugte.
Vielleicht hätte er unter anderen Umständen Ähnlichkeit mit einem Tier, das um seine Beute bemüht ist gewirkt. Nun aber fühlte sie sich einfach nur beschützt.
Und geliebt.
Es war zu früh, dieses Wort überhaupt nur zu denken, sie wusste es. Aber es schlich sich ihr trotzdem in den Sinn.
Bis sich ihr denken gänzlich ausschaltete, als seine Hände über ihre nackte Haut strichen und überall unersättliche Flammen hinterließen.
Sowie auch die unersättliche Begierde nach mehr. Mehr…
Er reizte sie gekonnt, ließ sie unter seiner Hand erschauern und sie konnte nicht mehr aufhören zu zittern, als er endlich in sie eindrang.
Keuchend umfasste er ihre Taille in dem verzweifelten Verlangen, sie zu besitzen.
Immer tiefer drang er in sie ein, bis sie beide den ersehnten Höhepunkt fanden.
Ihre Haare waren nass, sowohl vom Regen als auch vom vorherigen Akt, und hingen ihr in dunklen Strähnen wirr in die Stirn.
Der Blick war verhangen, berauscht… nie hatte er etwas Schöneres gesehen.
Zärtlich fuhr er mit dem Finger die Konturen ihrer Wangenknochen nach.
Sie legte ihre Arme um seinen Hals und er hielt sie fest.
So blieben sie zusammen auf dem weichen Waldboden liegen, fest ineinander verschlungen.
Es war ihnen egal, dass es regnete, es war auch nicht von Bedeutung, dass ihnen beiden langsam kalt wurde.
Sie genossen nur den Moment, lebten für diesen Augenblick des Glücks.
Und er schwor sich insgeheim, er würde sie nicht gehen lassen. Jetzt nicht mehr.
„Ich werde dich heiraten.“, flüsterte er in ihr Ohr und lächelte sie an.
Erst sprach der Schock aus ihrem Blick, dann auch Misstrauen.
„Das kannst du nicht ernst meinen!“
„Doch, es ist mein voller ernst.“
„Ruben… wir kennen uns erst seit einigen wenigen Stunden!“
„Und ich habe keine drei Minuten gebraucht um festzustellen, dass ich mich in die verliebt habe.“
„Dann kann es wohl kaum ernst sein.“, stellte sie nüchtern fest und wollte sich aufrichten, doch er hielt sie zurück.
„Es ist, wie bereits gesagt, mein voller Ernst. Glaubst du, ich war noch nie verliebt? Ich war es bereits einige Male, in Frauen, in denen ich mich im Endeffekt doch nur täuschte.
Doch keine war annähernd so wie du.“
„Wie bin ich denn? Launisch? Zickig? Nervtötend?“
„Du bist wunderschön.“, murmelte er und die Bestimmtheit mit der er das sagte ließ sie stutzen.
„Die inneren Werte zählen doch.“, erklärte sie mit einem schiefen Grinsen, um ihre Unsicherheit zu überspielen. Er bemerkte es jedoch, umfasste ihr Kinn und sagte leise:
„Ich werde dich in nächster Zeit nicht darauf ansprechen. Doch für mich steht es fest. Ich liebe dich.“
Dann küsste er sie, doch nicht zärtliche, sondern wild und leidenschaftlich.
„Ohje, ich fürchte wir kommen aus dem Wald nicht mehr heraus.“, flüsterte sie, dann wich das Flüstern einem Stöhnen.

Seine Zunge erkundete die bis zum Bersten gespannte Haut ihres schlanken Körpers. Sie wandte sich unter seinem festen Griff.
Er sah sie wie eine Landschaft. Sanfte Hügel wölbten sich über einem Tal, das so perfekt schien.
Er bettete seinen Kopf auf eben jenes und lauschte sowohl ihrem unsteten Herzschlag als auch ihrem Atem, den sie zitternd ausstieß.
Dann kehrte er zu ihrem Gesicht zurück und blickte ihr Fest in die whiskeybraunen Augen.
Tränen stiegen ihr in eben diese, und um ehrlich zu sein erging es ihm nicht anders.
Die Schönheit dieser Frau versetzte ihm einen Stich, und das verzweifelte Verlangen, sie ganz für sich haben zu wollen, schwoll stetig an.
Gefangen von ihrem Zauber versuchte er sich loszureißen, indem er aufstand und ihr ebenfalls hoch half.
Ihr Top war total zerrissen, er strich über eine freie Stelle an ihrem Nacken. Ein Kratzer war dort zu sehen.
„War… ich das?“, fragte er bestürzt.
Sie lächelte und hauchte ihm einen Kuss auf die Lippen.
Sofort wollte er mehr, unterdrückte den Impuls aber, sie zurück zu ziehen um den Kuss zu verlängern.
„Ich behalte ihn als Andenken.“, lächelte sie und berührte auch kurz seine Hand, bevor sie wieder in das Haus ging.
„Andenken? Das klingt nach Abschied.“, sagte er leise und lehnte sich in den Türrahmen.
Seine Befürchtung stimmte, denn sie war dabei ihre Sachen zusammen zu suchen.
„Ich muss gehen.“ Der Ausdruck in ihren Augen war wehmütig.
Sie wollte ihn nicht verlassen, das wurde ihr in diesem Moment klar.
Doch konnte sie wohl kaum länger hier verweilen, sie musste nach Hause, zurück in ihre Wohnung.
Sie ergriff seine Hand, kritzelte ihre Nummer darauf und drückte einen Kuss darauf, bevor sie aus der Tür verschwand.
Sie merkte sich den Namen, der auf dem Schild neben der Klingel stand.
„Fiena.“ Das würde sie wohl so schnell nicht vergessen.
Der Weg nach Hause war wirklich seltsam. Es war, als wäre das alles nur ein Traum gewesen, als hätte sie Ruben nie getroffen.
Und doch, ihr Körper schmerzte immer noch von den vorhergegangenen… Betätigungen.
Sie stieg in den nächsten Bus, der in ihren Wohnbezirk fuhr.
Es war beileibe keine schöne Umgebung, aber die Miete war billig und die Wohnungen soweit in Ordnung.
Sie warf ihren Schlüssel achtlos auf den Tisch, schaltete den Anrufbeantworter ein und öffnete weit ihre großen Fenster.
Große Fenster waren ihr sehr wichtig gewesen beim Kauf der Wohnung, sie hasste das Gefühl des eingeengt Seins.
Ein Anruf von ihrer Mutter. Sie klang nicht gut, sie war krank. Maggie wusste es schon lange, doch ihre Mutter weigerte sich, dies einzusehen.
Sie habe ohnehin nicht vor alt zu werden, hatte sie ihr einmal erklärt und war drauf und dann genau das einzuhalten.
Und dann noch ein Anruf, der ihr aber mehr Sorge bereitete.
„Hallo, Liebes. Hier ist Jake. Du könntest dich ja auch mal wieder bei mir melden, ich vermisse dich… vermisse deine Küsse. Ich liebe dich! Und wenn ich demnächst wieder in der Stadt bin, könnten wir ja…“
Sie schaltete das Ding aus, fast brutal, legte die Hände über die Ohren und ließ sich an der Wand herunter gleiten.
Sie wollte ihn nicht hören. Nicht jetzt. Nicht mehr.

Da waren Jungen. Sieben Jungen und sie standen in einem Kreis um sie.
Sie lachten ihr ins Gesicht, aber es war ein kaltes Lachen.
Sie hatten Macht über sie und genossen es.
Sie spuckten auf sie. Und schließlich…
Schweißgebadet erwachte sie, strich sich wirre Strähnen aus der Stirn. Dann zog sie ihre Knie ganz dicht an ihren Körper, umschlang ihre Beine mit den Armen und war kurz davor, sich hin und her zu wiegen.
Die Wände schauten dunkel und höhnisch auf sie herab.
Fast so spottend wie jene Jungen, die sie bis in ihre Träume hin verfolgten.
„Na, du Rose?“, sie hörte das Lachen immer noch in ihrem Kopf, laut, viel zu laut und scheppernd in ihren Ohren.
Hätte sie sie verschließen können, sie hätte es getan.
„Ich bin keine Rose“, hatte sie herausgebracht.
Und das sagte sie sich auch jetzt immer wieder. Ich bin keine Rose. Ich bin keine Rose. Ich bin keine verdammte Rose.
Ohne großartig darüber nachzudenken griff sie nach dem Hörer ihres Telefons und wählte die Nummer, die sich bereits am Vormittag herausgesucht hatte, dann aber zu feige gewesen war, sie wirklich anzurufen.
„Hey.“
Die Stimme klang nicht im Mindesten überrascht, was schon bemerkenswert war, wenn man bedachte, dass es bereits 3 Uhr in der Früh war.
„Du sagst das so, als wüsstest du, dass ich es bin.“, sagte sie verdutzt.
„Na du bist es doch auch.“, stellte Ruben nüchtern fest.
„Ja.“
Es entstand eine kurze Pause, in der sie einfach nur die „Anwesenheit“ des jeweils anderen genossen.
„Ich wollte… ich weiß nicht, ich wollte…“
„Ich wollte schon die ganze Zeit bei dir anrufen, doch ich befürchtete, dann würdest du mich erst recht für einen Stalker halten.“ Sie wusste, dass er lächelte und er zauberte ihr wie von Geisterhand ebenfalls ein Lächeln ins wenige Minuten zuvor noch schreckensverzerrte Gesicht.
„Immerhin bin ich diejenige, die in dein Haus eingebrochen ist.“
„Und das mit unlauteren Absichten.“, schmunzelte er.
„Das kommt noch hinzu.“
„Wann sehen wir uns wieder?“ Mit einem Mal wurde er ernst.
„Ich weiß nicht... ich muss morgen arbeiten. Du sicher auch und…“
„Wo arbeitest du?“
Sie nannte ihm eine Adresse.
„Gut. Bis morgen.“
„Aber…“
„Schlaf gut. Ich liebe dich, ich denke an dich.“
Und obwohl er jetzt auflegte, tröstete sie der Gedanke.
So, als würde er von seinem Haus aus über sie wachen und sie schützen.
Und das erste mal seit langem schlief sie mehr oder weniger ruhig ein, neugierig, was sich wohl am folgenden Tag ereignen mochte.

Es war ein Tag wie jeder andere. Sie zog einen weit schwingenden Rock an, steckte ihre Haare zu einem strengen Dutt hoch, nahm ihre Tasche und machte sich auf den Weg zur Arbeit.
Es war ihr Job, literarische Texte aus dem englischen, niederländischen oder spanischen ins deutsche zu übersetzen.
Es war zwar keine außergewöhnlich spannende Arbeit, aber es brachte ihr genügend Geld ein und machte ihr Spaß. Außerdem liebte sie es zu lesen.
Sie hatte sich gerade in einen wirklich wunderschönen Text von Lewis Carroll eingelesen, da ging die Tür auf.
Ihr Chef kam herein und bedachte sie, wie so oft, mit einem lüsternen Blick. Sie schalt sich selbst dafür, heute einen Rock angezogen zu haben.
Ihm kamen dabei eindeutig die falschen Gedanken.
„Ehm… Magdalena, also ich wollte Sie mal fragen, so ganz persönlich, ob…“
Ihre zwei Kolleginnen Martha und Leslie, mit denen sie ihr Büro teilte, retteten die Situation.
„Oh, Chef, wollen Sie vielleicht einen Kaffee? Kein Problem, kommt sofort! Setzen sie sich nur hin ich meine…“, plapperte Leslie drauf los.
Die dralle Blondine umfasste seinen Arm und bugsierte ihn nach draußen, während Martha sich neben Maggie setzte und so tat, als wollte sie irgendwas wissen.
„Du weißt doch, dass du keine Röcke anziehen solltest!“, kicherte Martha als sowohl Chef als auch Leslie draußen waren.
„Jaja“, murmelte Maggie, „Ich weiß sowieso nicht, wieso er sich so Mühe gibt, ich meine ich habe nicht im mindesten Interesse gezeigt.“
„Wahrscheinlich steht er auf Unnahbare wie dich.“, lachte Martha fröhlich. „Was ich dich aber eigentlich fragen wollte, Engelchen, hast du Lust, heute Abend mit meinem Mann und mir zu Essen?“
„Kochst du?“
„Nein, mein Mann. Sprich: Es ist essbar!“, feixte Martha.
„Dann komme ich“, grinste Maggie.
Wenige Minuten später kam Leslie herein und schloss seufzend die Tür hinter sich. „Also lange geht das nicht mehr gut. Und er hat schon mal eine Mitarbeiterin rausgeschmissen, die ihn abgewiesen hat. Auf der einen Seite ist er so tollpatschig, auf der anderen so wahnsinnig jähzornig. Du hast wirklich kein Glück, Maggie…“
„Ich weiß, ich muss mir bei Gelegenheit was Neues suchen.“
Martha nickte beifällig. „So, jetzt aber wieder ans Werk, Mädels! Wir werden schließlich nicht fürs Nichts tun bezahlt!“
Und Maggie konzentrierte sich wieder ganz auf den vor ihr liegenden Text.
Doch auf einmal begannen Martha und Leslie zu kichern.
Verwirrt blickte Maggie auf und bemerkte, dass die beiden sie mit ihren neugierigen Blicken förmlich zu durchbohren schienen.
„Ehm… okay, was ist hier los?“
„Du hast gesummt.“, grinste Martha und Maggie spürte, dass sie knallrot anlief.
„Hab ich? Oh… naja ich schätze ich habe irgendwo eine hübsche Melodie gehört und…“
„Oh nein, meine Liebe, so leicht redest du dich nicht raus!“
„Das war ein verliebtes Summen.“, stellte Leslie triumphierend fest.
„So was kann man doch gar nicht kategorisieren..“, sagte Maggie, aber es klang leise und ein bisschen verzweifelt.
„Ach Mädchen, du hast noch so viel zu lernen.“, lachte Leslie.
„Und jetzt raus mit der Sprache! Wer ist es? Doch nicht der Chef..?“
„Um Gottes Willen, was denkst du denn von mir??“, prustete Maggie.
„Also, wer?“, fragte Martha neugierig und kaute auf einem Stift herum.
Doch Maggie schüttelte nur leise lächelnd den Kopf.
Und in genau diesem Moment klopfte es abermals an der Tür.

„Na, Ladies? Ich komme wohl gerade genau richtig zur Mittagspause!“
Hinter einem Strauß roter Rosen blickte Jake hervor. Und alles in Maggie gefror.
„Ich hab keine Mittagspause.“
„Dann nimm sie dir einfach!“
„Nein, ich denke nicht, dass das eine gute Idee wäre.“
„Aber doch, sicher, Schätzchen, du musst mal raus hier!“, sagte Leslie freundlich lächelnd und wandte sich dann an Jake, „Entführ sie nur nicht zu weit!“
„Natürlich, ihr Süßen.“, grinste Jake und folgte Maggie nach draußen. Widerstand wäre zwecklos gewesen, das wusste sie.
„Jake, ich…“
„Sag nichts. Ich habe dich auch vermisst.“
Er küsste sie, überging, dass sie dabei steif wie ein Brett wurde.
„Jake, ich will nicht…“
„Ja, ich fand es auch schwer so lange von dir getrennt zu sein.“
„Verdammt es waren drei Tage! Nur drei Tage und…“
„Und das war wirklich lange genug.“
„Gott“, zischte Maggie.
„Und schau mal, was ich dir mitgebracht habe!“ Mit diesen Worten drückte er ihr den großen Strauß in die Hände.
Sie warf ihn achtlos auf den Boden und wandte sich ab. Sie konnte den Anblick nicht ertragen.
„Du weißt, dass ich Rosen hasse.“
Er registrierte gar nicht, dass ihre Stimme zitterte, lachte nur. „Oh, Maggie, sei nicht albern. Rote Rosen stehen für wahre Liebe, und genau das möchte ich damit ausdrücken! Meine glühende Liebe für dich.“
„Ich liebe dich aber nicht.“, flüsterte sie. Er hörte es nicht. Oder wollte es nicht hören.
Wie oft hatte sie versucht, es ihm begreiflich zu machen? Und wie oft hatte er sie einfach nicht beachtet.
Sie wünschte sich einfach nur, er möge gehen. Sie atmete tief ein, rang sich dazu durch, es aufs Neue zu versuchen, drehte sich um.
„Jake, kannst du einfach…“
Doch ihre Lippen wurden von einem zärtlichen Kuss versiegelt.
Einer einfühlsamen Zärtlichkeit, die sie so an Jake nicht kannte und die sie ihm auch nie und nimmer zuordnen würde.
Eine Welle der Zuneigung überkam sie, sie wusste nicht wohin mit ihren Händen und vergrub sie so einfach in den Haaren ihres Gegenübers.
Er schaffte es tatsächlich ihren Herzschlag mit nur einem Begrüßungskuss so durcheinander zu bringen, dass sie nicht mehr sagen konnte, wo oben und wo unten war.
„Und was denken Sie, machen Sie da mit meiner Verlobten?“, fragte ein leicht gereizter Jake.

Ruben ließ sich Zeit, um von ihr abzulassen, drehte sich dann lässig zu Jake um und lächelte ihn an:
„Ich habe sie geküsst. Und ich hatte angenommen, das wäre recht offensichtlich gewesen.“
„Lassen Sie ihre dreckigen Pfoten von ihr!“, rief Jake und machte Anstalten, nach vorne auf ihn zuzugehen.
Ruben reagierte überhaupt nicht, blieb genauso stehen wie zuvor und steckte die Hände in die Taschen.
„Wenn Maggie möchte, dass ich gehe, dann kann sie das äußern.“
Er sah sie abwartend an, doch Maggie sagte nichts.
„Sehen Sie“, meinte er Schultern zuckend, „Ich werde sie also nun mitnehmen, um mit ihr Mittag zu essen.“
„Da hätten Sie vielleicht ein wenig früher kommen müssen, denn…“
„Ich komme immer am richtigen Ort zur richtigen Zeit.“
Auf so viel Arroganz wusste selbst Jake nichts mehr zu Erwidern und so gingen Maggie und Ruben nach draußen.
Ihr stand der Mund förmlich offen. „Ruben, so kenne ich dich ja gar nicht.“
„Erlaube mir die Bemerkung, Sweetheart, aber du kennst mich überhaupt nicht.“
Sie drückte ihn in einer spontanen Aktion gegen die Wand des Aufzugs und küsste ihn, kurz, hart, vor allem aber fordernd.
„Sicher?“
„Ganz sicher.“, grinste er, „Aber küssen kannst du, vielleicht sollte ich dich mir warm halten…“
Jetzt musste sie Lachen. Es war das erste Mal an diesem Tag, dass sie dies tat, und mit Sicherheit das Schönste, was er heute zu hören bekommen sollte, nahm er an.
„Also?“, fragte er, als sie in einem kleinen Restaurant über ihrem Essen saßen.
„Also was?“
„Wer ist dieser Kerl?“
„Das ist Jake…“, erklärte Maggie zögernd und stocherte in ihren Spaghetti herum.
„Und ihr seid Verlobt?“
„Schon irgendwie.“
Er lachte laut: „Wie kann man denn ‚irgendwie’ verlobt sein? Ich, mit meiner Ader für Romantik, hatte bisher angenommen, das wäre eine Entscheidung, die man nach reiflicher Überlegung trifft, wenn man jemanden liebt.
Und all diese Dinge scheinen bei dir nicht der Fall zu sein… wenn man bedenkt, wie du ihn gerade behandelt hast, oder was gestern war. Es sei denn, ihr seid zerstritten. In diesem Fall müsste ich wohl beleidigt sein, da du mich lediglich benutzt hast, um ihn zu vergessen.“
„Nein… so ist es nicht.“, sagte sie, verwundert darüber, wie leichtfertig er die Sache mit der Verlobung hinnahm, wenn man bedachte, dass er ihr noch wenige Stunden zuvor erklärt hatte, er wolle sie heiraten.
„Er hat mir quasi keine andere Wahl gelassen. Aber… naja, lange Geschichte.“
„Du kannst sie mir ja irgendwann einmal erzählen.“, sagte er, wohl wissend, dass es ihr unangenehm war, darüber zu reden.
Und sie wusste, dass er es wusste.
Ihre Blicke trafen sich und er streckte seinen Arm aus, um ihre Hand zu ergreifen. Sie ließ es geschehen.

"Sollte ich dich nicht langsam zurück bringen?", fragte Ruben und strich über ihre Fingerknöchel.
"Ja.", nickte Maggie. Auch wenn sie lieber noch eine Weile hier mit ihm gesessen hätte.
Sie bezahlten und machten sich auf den Rückweg.
Vor dem Gebäude machten sie halt und Ruben zog sie in seine Arme, um ihr einen Abschiedskuss zu geben.
Fünf Minuten später war sie dann auch tatsächlich im Begriff zu gehen.
Sie schüttelte verwundert über sich selbst den Kopf. So verliebt war sie schon lange... noch nie gewesen.
Und das so schnell, so heftig. Konnte das gut gehen?
Als sie zurück ins Büro kam, waren Leslie und Martha schon da.
Sie deuteten wortlos auf ihren Schreibtisch.
Ein dutzend geköpfte Rosen lagen dort. Ein Schauer überlief Maggie.
"Was hast du mit ihm gemacht?", fragte Martha, "So wütend hatte ich Jake ja noch nie erlebt. Um genau zu sein habe ich bisher nicht einmal erlebt, dass ihr euch gestritten habt."
"Ich... hab mich verliebt.", flüsterte Maggie und blickte zu Boden.
"Also doch.", sagte Leslie, "Wir haben dir von Anfang an gesagt, es würde nicht gut gehen."
"Das habt ihr",bestätigte Maggie.
Doch so sehr sie die beiden liebte - sie kannten nicht die ganze Geschichte.
Sie konnte sich kaum auf die Arbeit konzentrieren.
Verschiedenste Emotionen fluteten durch ihren Körper, nahmen ihr Denken ein.
Sie war aufgebracht wegen Jake, wütend auf ihn, und dann träufelte die Leichtigkeit des Verliebtseins wie eine zu hoch dosierte Droge durch ihre Venen, langsam, genüßlich, nahezu schmerzhaft.
Alles war irgendwie vernebelt, und sie hasste das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren - so wie sie es jetzt gerade tat.
Auch wenn sie sich also im Klaren darüber war, dass es wohl gesünder wäre, Ruben vorerst nicht wieder zu sehen - was kümmerte sie ihre Gesundheit?
"Bist du soweit?", fragte Martha.
Verwirrt blickte Maggie hoch und sah mit einem kurzen Blick aus dem Fenster, dass es bereits stockdunkel war.
"Ja... einen Moment noch."
Sie packte ihre Sachen zusammen und ging mit Martha aus dem Büro.
Sie verabschiedeten sich von Leslie und Maggie stieg zu Martha ins Auto.
Sie selbst hatte keines, hatte es bisher nicht für nötig gehalten, eines zu kaufen.
Immerhin konnte sie auch mit U- und S-Bahn zur Arbeit.

Maggie beobachtete Martha während der Autofahrt.
Sie wirkte in vierlei Hinsicht wesentlich kühler als Maggie, und doch war das genaue Gegenteil der Fall.
Bereits vom ersten Arbeitstag an war sie unglaublich freundlich zu ihr gewesen und im Endeffekt hatte Maggie nie eine bessere Freundin gehabt.
Dennoch war es ein ewiger Zwiespalt, ob sie zum Abendessen zu ihr kommen sollte.
Martha fragte sie häufig, doch oft lehnte sie das Angebot dankend ab.
Und das lag nicht an Martha.
Sie fuhren in die Einfahrt des Hauses und Maggie atmete tief durch. Sie würde das schon durchstehen. Kein Problem.
Martha zu liebe.
Die Tür ging auf und Samuel umarmte erst Martha, dann Maggie.
Ihr entging nicht sein Blick, der keineswegs ihren Augen, sondern vielmehr ihren Brüsten galt.
"Hattest du einen schönen Tag im Büro, Schatz?", fragte er und küsste Martha auf den Mund, schielte dabei zu ihr um ihre Reaktion zu prüfen.
Sie hasste solche Spielchen und zeigte ihm die kalte Schulter - wie immer.
Es hatte eine Zeit gegeben, da hätte er nur mit dem Finger schnippen müssen, und sie wäre ihm ohne Weiteres um den Hals gefallen.
Doch diese Zeit war lange vorbei, er hatte seine Chance verpasst.
Um genau zu sein hatte er ihr etwas unverzeihliches angetan, und nie wieder würde sie ihm ohne Vorbehalte in die Augen blicken können.
'Dumme Jugendstreiche' hatte ihr Vater es damals genannt. Sie schnaubte, schmeckte die Bitterkeit förmlich auf ihrer Zunge.
Bis ein dummer Jungenstreich sein Leben beendete, als ein Jugendlicher trotz zu viel Alkohols dennoch der Meinung war, er könne Auto fahren und ihm voll in den Wagen fuhr.
Totalschaden, und ihr Vater war nach einigen Minuten verblutet.
Wirklich traurig hatte sie das aber nicht gestimmt.

Er wartete gerade mal, bis Martha das Zimmer verließ, da legte er eine Hand auf ihr Knie.
„Oh bitte, Samuel“, meinte sie kühl, „Ich dachte, wir hätten das hinter uns.“
„Wir haben noch gar nichts hinter uns.“
„Das wüsste ich aber.“
„Du weißt es. Erzähl mir nicht, du würdest mich nicht begehren.“
Sie schnaubte. Warum schienen alle möglichen Kerle das zu glauben? Wunschdenken?
„Zufällig bin ich glücklich vergeben.“
Er lachte auf: „Mit Jake? Ach komm, wir beide wissen, dass du nur aus Mitleid mit ihm zusammen bist.“
Ich rammte meine Gabel in mein Steak: „Was fällt dir ein über unsere Beziehung zu richten?“
„Ich kenne dich schon länger, Rose.“
„Ich bin nicht Rose, kapiert?! Und du warst derjenige, der damals… vergiss es einfach. Du bist mit Martha zusammen, Ende der Diskussion.“
„Ich würde sie jederzeit für dich verlassen, das weißt du.“
„Und wer sagt dir überhaupt, dass ich Jake meinte? Ich habe jemand Neues kennen gelernt.“
Sie piekste ein Stück Salat auf und schob es sich genüsslich in den Mund.
Und da in diesem Augenblick Martha wieder hereinkam, konnte sie Samuel in Ruhe schmoren lassen, während er sein Essen herunterwürgte.
„Es war ein sehr schöner Abend“, log Maggie, als Martha sie zur Tür begleitete.
„Mhm. Und ich bin wirklich froh, dass du dabei warst. Die Abende mit Samuel sind in letzter Zeit so… schweigsam. Ich weiß auch nicht, wo er mit seinen Gedanken ist – jedenfalls nicht bei mir.“
Es klang traurig und ein wenig verbittert.
Sofort verspürte Maggie einen Stich im Herzen – war sie doch letzten Endes die Schuldtragende, auch wenn sie Samuel niemals ein Zeichen der Zuneigung gegeben hatte.
Wenn doch nicht… so vieles schief gelaufen wäre vor einigen Jahren.
Wenn.
Wenn das Wörtchen wenn nicht wäre. Aber es war eben doch.
Sie ging die dunkle, vom zuvor gefallenen Regen nasse Straße entlang. Das Mondlicht spiegelte sich auf der Oberfläche der verhältnismäßig tiefen Pfützen und wie durch einen Spiegel sah sie ungeliebte Erinnerungen tanzen.
Erinnerungen auch an sich selbst.
Sie war nie die strahlende Schulschönheit gewesen, die von jedem gemocht wurde.
Sie hatte sich eher in viel zu großen Pullovern versteckt, nie Make-Up getragen und war auch sonst sehr unscheinbar herumgelaufen.
Bis auch die viel zu großen Pullover die Bilderbuch getreue Wandlung vom hässlichen Entlein zum stolzen Schwan nicht mehr verbergen konnten.
Sie gab nichts auf die Aufmerksamkeit, die ihr nun zu Teil wurde.
Was sie aber doch wahrnahm, war die Aufmerksamkeit, die ihr Samuel mit einem Mal schenkte.
Er war Footballspieler. Er war der beliebteste Junge der Schule. Er hatte Charme ohne Ende. Und er sah so verdammt gut aus.

Er hatte sich in sie verguckt, und spätestens, als er sie fragte, ob sie mit ihm zum Abschlussball gehen wolle, war sie sich darüber im Klaren.
Aber sie hatte abgelehnt.
Er hatte es als Anreiz gesehen, sie zu umwerben, es machte sie interessanter, dass sie nicht sofort zugesagt hatte.
Er sandte ihr Pralinen, Blumen, fragte sie immer und immer wieder – und immer lautete die Antwort gleich: Nein.
Frustriert hatte er sie eines Tages bei Seite genommen und gefragt:
„Okay… ich frage dich jetzt schon ewig. Wieso sagst du nicht ja? Wir wissen beide, dass du das willst.“
Seine Arroganz hatte sie verärgert und so sagte sie es ihm gerade heraus:
„Ich gehe mit Jake hin.“
„Mit… mit Jake?! Verarschen kann ich mich alleine.“
Sie hatte ihren Kopf gereckt: „Jake ist mein bester Freund, ich wüsste nicht, was…“
„Du gehst lieber mit diesem Looser als mit mir?“
„Wer von euch beiden ist wohl der größere Looser, überleg mal, Spatzenhirn.“
„Es ist unglaublich heiß, wenn du wütend bist, Schätzchen, aber du wirst den Tag noch bereuen, an dem du mich in den Wind geschossen hast.“
Sie hatte nur die Augen verdreht und abgewinkt.
Und genau das hätte sie nicht tun sollen.
Da waren Rosenblätter um sie herum, überall, sterbende Blätter unzähliger roter Rosen.
Und den Blättern zu Ehren bildete sich ein roter See um sie herum. Das war kein Wasser, auf dem sie zu tanzen schienen. Zu tanzen, wie nun die Mondstrahlen auf der leeren Straße. Es war ihr Blut.

Eine Hand legte sich auf ihre Schulter und sie hätte beinahe aufgeschrieen – als sie in Rubens vertraute Augen blickte.
„Gott! Du hast Spaß daran, mich zu erschrecken, kann das?“
Und seiner Mimik nach zu urteilen amüsierte ihn ihre Reaktion wirklich, aber er grinste nur schief.
„Verfolgst du mich?“
„Wenn du dich erinnerst – ich lebe da drüben und komme grade nach Hause.“
Tatsächlich – sie stand direkt neben dem kleinen Wäldchen.
„Oh. Ja. Ehm. Ich bin ein wenig durcheinander.“
„Das wäre mir so gar nicht aufgefallen.“ Doch trotz seiner Ironie war seine Stimme sanft, und er legte eine Hand an ihre Wange.
Dann setzte er ein charmantes Lächeln auf, verbeugte sich tief, bot ihr seine Hand dar und fragte:
„Darf ich bitten?“
Sie ging auf das Spiel ein, legte ihre Hand sacht in die seine und sagte:
„Du darfst.“
Er führte ihre Hand, die in seiner verschränkt war, an sein Herz, blickte ihr in die Augen und sie begannen zu tanzen.
Sie lehnte ihren Kopf an seine Schulter und bewegte ihre Füße vorsichtig zum Takt einer Melodie, die sie beide zu vernehmen schienen und die sie auf eine seltsame Art und Weise vereinigte.
Sie vergaß die Straße, auf der sie tanzten, vergaß die Nacht um sich herum, vergaß Jake, vergaß Samuel.
Da war nur noch Platz für Ruben, für seine warme Hand, die sicher auf ihrer Schulter ruhte, für seinen Atem, der über ihren Nacken strich, für seine Lippen, die ihre Stirn streiften und ihr ein Gefühl von Ruhe vermittelten, für seinen Kuss, der ihr wieder einmal den Atem raubte.
„Du musst nach Hause“, murmelte er leise und bedachte sie mit einem liebevollen Blick, „Du bist müde.“
„Nein!“, rief sie und klammerte sich fester an ihn, „Nein, ich… ich kann nicht.“
„Du kannst nicht alleine sein?“
„Es klingt so dumm, nicht wahr?“, lächelte sie hilflos, „Aber… ich kann es nicht, nicht… jetzt. Lass mich nicht allein.“
„Ich lasse dich nicht allein. Komm mit mir.“
Widerstandslos ließ sie sich von ihm führen.
Mit einem Mal begann sie zu zittern, konnte nicht mal mehr richtig reden.
Doch sie fühlte sich behütet, von Ruben beschützt, als er ihr vorsichtig die Kleidung auszog und sie in sein Bett legte.
Sie legte ihre kraftlosen Arme um seinen Hals, hasste das Gefühl, nicht mehr die Kontrolle über die Geschehnisse zu haben – und doch war ihr klar, dass sie sich nur bei Ruben jemals so hatte fallen lassen.
„Du nutzt sie Situation aber doch nicht aus, oder?“, versuchte sie zu scherzen.
Doch ihre Stimme war so zitterig, dass jeder Spott unterging.
„Schlaf ein wenig.“, murmelte er und drückte seine Lippen auf ihr Ohr.
„Bleibst du bei mir?“, nuschelte sie und blickte ihn unsicher an.
„Bis du wieder aufwachst.“, antwortete er und sie glaubte ihm aufs Wort.

Als sie die Augen öffnete war sie nahezu schockiert von ihrer Reaktion auf seinen Anblick.
Sie krallte ihre Hände fester in ihre Decke, weil es ihr einen Stich ins Herz versetzte, daran zu denken, dass sie ihn möglicherweise niemals getroffen hätte.
Ihm keine große Beachtung geschenkt hätte.
Wäre da nicht jener Stromausfall gewesen.
Auf der anderen Seite fragte sie sich, ob das mit ihr und Ruben gut gehen konnte.
Es schien so perfekt… da musste doch einfach ein Haken sein.
Und dann war da noch Jake…
Sie drängte die aufkeimenden Erinnerungen mit aller Macht zurück, wollte nicht darüber nachdenken – nicht jetzt, in diesem Moment, in dem alles so wunderschön war.
Sie richtete sich auf und ihre langen, dunklen Haare fielen in einem sanften Fluss über ihre Schultern.
Er rührte sich und sie schenkte ihm einen ruhigen Blick aus ihren braunen, sonst so aufgewühlten Augen.
Dann wurde er jedoch wieder ruhiger und sie wusste, er schlief.
Einerseits wäre sie zu gern noch geblieben, auf der anderen Seite musste sie erst einige Dinge in ihrem Leben klären, bevor sie zu ihm zurückkehren konnte.
Gesetzt der Fall, sie beide würden das dann noch wollen.
Sie duschte ohne viele Geräusche zu machen, zog sich an und ging so, wie sie war, zur Arbeit.
Ihre Sachen hatte sie ja noch vom Vortag dabei.
Leslie sah sie verwundert an:
„Kurze Nacht gehabt?“
„Hm?“ Sie verstand nicht ganz.
„Schätzchen, du bist frisch geduscht, hast aber noch die Sachen vom Vortag an. Sieht so aus als hättest du die Nacht aushäusig verbracht, und das nicht bei Martha, sonst würde sie jetzt nicht so dreinblicken.“
„Ehm… ja.“
„Hast du dich mit Jake wieder vertragen?“
„Nicht…direkt.“
„Ooooh es gibt jemand anderen! Und es scheint etwas Ernstes zu sein, ja? Diesmal wenigstens?“
„Wieso diesmal und wenigstens?“
„Das mit Jake haben wir nie ernst genommen.“, erklärte Martha leichthin, „Das hat doch ein Blinder gesehen, dass da nie mehr als Freundschaft von deiner Seite aus war. Auch wenn Jake dich vergöttert hat…“
„Ich bin ihm dankbar.“, sagte sie leise und senkte den Blick.
„Aber Dankbarkeit kann nicht die Grundlage einer Beziehung oder sogar einer Ehe sein. Das wird nicht gut gehen. Vielleicht wird es halten, aber du wirst nie glücklich, und Jake im Endeffekt auch nicht.“
Warum mussten die beiden nur immer so verdammt recht haben?
„Es würde ihm das Herz brechen, wenn ich…“
„Es würde ihm vor allem wehtun, wenn du ihm nicht die Wahrheit gestehst.“, unterbrach Martha sie.
Und da fasste sie einen Entschluss. Es stimmte, sie würde sich entscheiden müssen.
So konnte es nicht weitergehen, nicht mit Jake, nicht mit Samuel – nicht mit Ruben. Er hatte mehr verdient, genau wie Jake.
Und Samuel? Das war eine Sache für sich.
Aber was tun?
In der Mittagspause kam niemand, um sie abzuholen, deshalb ging sie mit Martha und Leslie raus und holte etwas zu Essen.
War Ruben jetzt etwa beleidigt, oder… hatte er keine Zeit?
Ihr wurde klar, wie sehr sie sich gewünscht hatte, er möge durch den schmalen Büroeingang treten.
Ihr war allerdings auch klar, dass das unvernünftig war.
Sie lehnte dankend ab, als Martha sie fragte, ob sie nicht noch einmal mitkommen wollte zum gemeinsamen Abendessen.
Zwar wusste sie, dass Samuel Martha wie Luft behandelte seit sie auf der Bildfläche erschienen war, doch würde das ihr Besuch unter Garantie nicht ändern.
Die drei Frauen waren dabei, eine Straße zu überqueren, als ein junges Mädchen an ihnen vorbeihetzte.
„Hui, die hat’s aber eilig!“, lachte Leslie und schüttelte den Kopf.
Der schwingende, kurze Rock der Schuluniform des Mädchens ließ unweigerlich eine Erinnerung aufblitzen, und Maggie konnte sich ihrer nicht erwehren.

Ihr Rock war um sie nur so herumgewirbelt, als sie sich umdrehte.
Sie besaß eine Anmut, eine grazile Art sich zu bewegen, von der sie nicht einmal wusste.
Es war, als würde die Zeit ein wenig langsamer verstreichen, wenn sie den Raum betrat, sich verlegen die langen, dunklen Haare hinter die Ohren strich, die sich nach unten hin lockten.
Jake hatte sie angestrahlt. Er wurde von allen nur ‚der Freak’ genannt, trug eine Brille mit viel zu dicken Gläsern, ging gebückt und klammerte sich an seine Bücher.
Doch wenn Maggie in der Nähe war, verhielt er sich anders.
Sie war noch nicht lange hier im Ort, erst seit zwei Jahren, und anfangs hatte ihr niemand große Beachtung geschenkt.
Nun verhielt es sich anders – und dennoch hatte sie sich nicht von Jake abgewandt.
Er war ihr erster Freund hier gewesen und sie hatte es ihm nicht vergessen, außerdem mochte sie ihn, er konnte witzig sein und mochte sie nicht nur, weil sie gerade angesagt war oder so.
„Gehst… du mit mir zusammen essen?“, fragte er sie schüchtern.
„Ja, wir gehen doch immer zusammen in die Cafeteria.“
„Nein…ich mein so richtig.“
Sie legte den Kopf schief. Sie konnte nicht ahnen, wie niedlich sie aussah, es fiel ihm schwer, noch etwas zu sagen und doch musste er sich erklären.
„Naja. Abends. Kerzenschein. Alleine. Du weißt schon.“
„Oh…“
„Oh? Oh ist nicht gut. Oh ist gar nicht gut.“
Jetzt musste sie lachen, legte ihm aber zugleich unsicher eine Hand auf die Schulter. Bei der Berührung zuckte er zusammen.
„Jake… es ist nicht so, dass ich nicht… will. Ich bin gerne in deiner Gesellschaft.“
„Aber?“
„Es sind in letzter Zeit so viele Prüfungen und…“
„Das ist es nicht, stimmt’s?“
„Ich… ich möchte dir keine falschen…“
„Nein! Sag es nicht! Sprich es nicht aus.“
Aschfahl war sein Gesicht geworden. Er war weggerannt, so schnell ihn seine Beine nur trugen.
Traurig hatte sie ihm hinterher geblickt – hatte sich gewünscht, sie hätte seine Einladung angenommen.
Und konnte es nun doch nicht mehr ändern.

„Maggie, verdammt, pass auf!!!“, schrie Leslie entsetzt, packte sie und zog sie energisch am Ärmel – fast hätte ein Auto sie erwischt.
„Es ist zu früh um schon zu träumen!“, schalt sie sie und schlug ihr auf die Schulter.
Der Schock stand in ihren Augen geschrieben, augenblicklich hatte Maggie Gewissensbisse.
„Es tut mir leid…“
„Es tut dir leid? Du wärst beinahe überfahren worden! Was ist mit dir los in letzter Zeit?“
Sie zuckte scheinbar ratlos die Schultern – und doch war es nicht wirklich etwas neues, was sie bewegte, abgesehen von Ruben.
Es waren Probleme, die sie seit ihrem siebzehnten Lebensjahr begleiteten.
Oft wünschte sie sich ihre Kindheit zurück, die Erwachsenenwelt hatte ihr nur Probleme bereitet.
Und was für welche…
„Wenn du schon nicht über deine Probleme reden möchtest, dann pass wenigstens auf dich auf.“, schimpfte Leslie weiter und stapfte davon.
Martha berührte beruhigend ihre Hand: „Sie macht sich nur Sorgen um dich.“
„Alle machen sich Sorgen um mich! Es geht mir auf die Nerven!“
Jetzt kicherte Martha.
„Was?“, zischte Maggie gereizt.
„Ist dir mal aufgefallen, dass du dich verhältst wie ein pubertierender Teenager?“
„Und ist dir aufgefallen, dass du dich wie meine Mutter verhältst?“
Jetzt mussten beide grinsen.
Und doch wurde Maggie nun wieder melancholisch.
Mein verficktes Leben. Denn eine Mutter hatte sie nie gehabt, nicht, als sie sie gebraucht hätte.
Gott hatte sie ihr genommen – und das meinte sie wörtlich.
„Maggie!“, rief Leslie.
Sie schreckt aus ihren Gedanken auf, verdrehte die Augen und beeilte sich aufzuschließen.
Sie hatte so viel, sie wusste es. Wenn ihre Vergangenheit sie nur loslassen würde…
Aber den Teufel tat sie, sie verfolgte sie.
Zum Beispiel in Form von Jake, der natürlich gerade jetzt grinsend ihr Büro betrat, kurz nachdem sie es getan hatte.
„Das Glück verfolgt mich, aber ich bin schneller.“, grummelte Maggie, wandte sie dann aber mit einem Lächeln an Jake: „Ja?“
„Hallo Schatz!“, strahlte er und gab ihr einen Kuss.
Sie wehrte sich zwar nicht, war aber froh, als er endete. Sie fühlte sich unwesentlich beobachtet von Leslie und Martha, die ihnen beiden neugierige Blicke zu warfen.
„Musst du nicht arbeiten oder so?“, fragte sie beiläufig und sortierte ihre Unterlagen.
„Ja, und deshalb komme ich gleich zum Punkt. Maggie… ihr habt doch hier bald eine Art Ball, nicht wahr?“
„Das weißt du doch! Hängt mit dem Spendenfond für junge Autoren zusammen. Wieso?“
„Magdalena Raven! Möchtest du mit mir auf diesen Ball gehen?!“
Nicht nur, dass er ihren vollen Namen genannt hatte – was ihr bei ihrem Hippienachnamen wirklich peinlich war – nein, jetzt kniete er sich auch noch hin.
Sie wusste wirklich nicht was sie sagen sollte, sagte deshalb gar nichts und überlegte fieberhaft, was zu tun war.
Sie kannte diese Szene. Es war wie ein Déjà-vu, vor Jahren hatte sich dies schon einmal abgespielt.
Sie hatte bejaht, in Erinnerung an die Reaktion, als sie seine Einladung zum Abendessen ausschlug.
Und es war ihr Verderben gewesen – ihr Ende in gewisser Weise, um genau zu sein.

Sie schluckte – und nickte. „Ja, warum nicht.“
Seine blitzblauen Augen funkelten erregt, es fehlte nicht viel und er wäre aufgesprungen um wie ein kleines Kind hin und her zu hüpfen.
„Gut! Ich hol dich dann übermorgen um halb acht ab?!“
Genau dieselbe Zeit wie beim Abschlussball. Es schüttelte sie, sie versuchte sich nichts anmerken zu lassen.
„Bis dann Jake.“
Er drückte ihr abermals einen Kuss auf den Mund und lief raus.
Sowohl Martha als auch Leslie sahen sie mit hochgezogenen Augenbrauen an.
„Ist doch mein Leben.“, murmelte Maggie.
„Ganz ehrlich Maggie – was willst du damit bezwecken? Ihn noch länger hinhalten?“
„Nein! Nein, so ist es ganz und gar nicht.“
„Aber?“
„Ich schulde ihm so viel. Er war… er ist mein bester Freund.“
„Müssen wir das noch öfter ausdiskutieren?“, fragte Martha kopfschüttelnd.
„Ich kann ihm einfach nicht wehtun.“, hauchte sie, „Ich bringe es nicht übers Herz. Es geht… einfach nicht.“
„Es geht.“, sagte Leslie und ergriff ihre Hand. „Tu es. Und tu es bald.“
Sie streckte sich, bog ihren Rücken durch und nickte. „Doch auf den Ball werde ich mit ihm gehen, es ist… das ist eine lange Geschichte.“
„Schon gut. Solange du es dann beendest..“
Es war alles schief gelaufen, furchtbar schief. Das Letzte, was sie je beabsichtigt hatte war, ihm weh zu tun – ihrem besten Freund.
Sie hatte nur einfach so panische Angst gehabt, auch ihn zu verlieren, nachdem…
Ein Flugzeug fuhr relativ nah an dem Fenster des Wolkenkratzers, in dem sie arbeitete, vorbei. Es war eines dieser Flugzeuge, die ein Banner hinter sich her ziehen. Offensichtlich hatte es jemand mit viel zu viel Geld angemietet, denn dort stand in riesigen Buchstaben „I love you mum!“
Mum? Wieder kehrten ihre Gedanken zu ihrer Mutter zurück.
„Wir sind streng katholisch, Tochter.“, hatte sie ihr am Abend des Balles erklärt, „Da hast du nicht mit einem solchen Ausschnitt rumzulaufen.“
„Mutter, es ist mein Abschlussball, und das Kleid ist absolut nicht tief ausgeschnitten! Im Vergleich…“
„Ich vergleiche dich aber nicht mit anderen Mädchen! Du musst nicht wie die letzte Schlampe rumlaufen!“
„Aber…“
„Hure!“, keifte ihre Mutter, „Geh auf dein Zimmer!“
Sie hatte nicht mal etwas erwidert. Es war sinnlos, mit ihrer Mutter zu diskutieren, sie war einer Art religiösem Wahn verfallen und… sie war machtlos.
Aber sie konnte auf keinen Fall Jake enttäuschen, also war sie aus dem Fenster geklettert.
Sie haben E-Mail erhalten.

Hello Sugar
Freu mich schon total auf Übermorgen
Hab dich vermisst Honeypie und ich liebe dich über alles.
Und das schon seit Jahren…
Du bist meine Rose.
Jake.

Wütend klappte sie ihren Laptop, der rechts am Rande ihres Schreibtisches stand und bei dieser Aktion fast hinuntergefallen wäre, zu.
Wann hatte das eigentlich mit diesem blöden Spitznamen angefangen? Achja.
Alles ihre weiten Pullover waren entweder von Motten zerfressen, ausgefranst oder in der Wäsche.
Der Versuch, ihre Mutter dazu zu bewegen ihr Geld zum Einkaufen zu geben, war natürlich gescheitert.
„Ich weiß, was dir vorschwebt!“, hatte sie gezischt, „Du willst dir diese engen Tops kaufen, mit Ausschnitt bis zum Bauchnabel!“
„Nein, will ich nicht, Mutter, ich…“
„Gottlose! Lüge nicht!“
Sie hatte ihr eine Ohrfeige gegeben und sie auf ihr Zimmer geschickt – wie so oft.
Sie hatte nicht geweint. Dieses Spielchen war ihr schon zur Gewohnheit geworden.
Aber an besagtem Tag hatte es ein echtes Problem dargestellt – denn irgendwie musste sie ja zur Schule, und heute war der einzige Tag in der Woche, an dem sie ihre Uniform mal nicht tragen musste – diese war dementsprechend in der Wäsche.
Zum Glück war aber auf ihre Freundin Sam wie immer Verlass gewesen.
Sam…
Ein Anruf genügte und sie hatte nur gekichert: „Komm her, wir kriegen das schon hin!“
Sie hatte sie in ein relativ eng anliegendes, rotes Shirt gezwängt, das den Ansatz ihrer Schultern frei ließ.
Ihre langen, dunklen Haare trug sie offen – und legte damit, ganz ohne Make-Up, einen Auftritt hin, der jeden Teeniefilm neidisch gemacht hätte.
Sie ging über den Schulhof und zog alle Blicke auf sich. Ihr war das unangenehm, und zum Glück hatte sie die übersprudelnde Sam neben sich, die sie ablenkte.
Sie kam in die Klasse – und erst mal war alles ruhig.
„Sicher, dass sie hier im richtigen Kurs sind?... OH! Magdalena. Ich hätte sie nicht wieder erkannt… Sie sehen gut aus..wirklich…sehr gut. Wie…wie…“
„Wie eine Rose.“, sagte Jake und lächelte Maggie breit an.
„Ja. Wie eine Rose, in der Tat.“
Seit diesem Tag hatte sie niemand mehr anders genannt, und seit diesem Tag hatte ihr jeder mehr Aufmerksamkeit gewidmet, als ihr lieb gewesen war.
Nur Sam nicht.
Sam…

Zu Hause wartete nur ein Anruf von ihrer Mutter. Es ging ihr schlechter, sie konnte es nicht verbergen.
Sie war nicht ihre ‚richtige’ Mutter. Sie war zu ihr gekommen, kurz nachdem sie ins Heim gekommen war und allen Beteiligten klar geworden war, dass sie nicht zu ihrer leiblichen Mutter zurück wollte.
Bei Rosanne hatte sie sich stets sicher fühlen könne und sie liebte sie für das, was sie ihr gegeben hatte, über alles.
Und sie war die einzige Person, zu der sie eine enge Beziehung hatte aufbauen können. Martha und Leslie waren zwar Freundinnen, aber sie hätte ihnen lange nicht alles erzählen können. Und zu Männern hatte sie seit der Sache… keine intime Beziehung mehr aufbauen können, mental gesehen.
Mit ihnen ins Bett zu steigen viel ihr unerwarteterweise nicht schwer. Sex war kein Problem – Vertrauen hingegen schon. Und Liebe? Das stand außer Frage.
Zumindest hatte es für sie außer Frage gestanden – bis sie Ruben begegnet war.
Sofort stahl sich ein Lächeln auf ihre Lippen, es war wie ein Reflex, sobald ihre Gedanken zu ihm kehrten.
Achja und dann wäre da noch eine andere Frage – was zur Hölle sollte sie an diesem Ball anziehen??
Sie konnte schlecht in ihren figurunbetonten Alltagsklamotten da auftauchen.
Viele Fragen, aber der pochende Schmerz in ihrem Hinterkopf hinderte sie daran, eine Lösung zu finden.
Sie schleppte sich ins Bett und schlief augenblicklich ein.
Alpträume plagten sie. Wieder einmal. Unruhig wandt sie sich im Schlaf hin und her, wimmerte.
Hände. Eiskalte Finger, die schamlos ihre bloße Haut ertasteten – nein, ertasten war nicht das richtige Wort. Sie ergriffen Besitz von ihr, sahen sie als ihr Eigentum an. Und Maggie wurde schlecht bei so viel Machtlosigkeit.
„Rose…“, hauchte er in ihr Ohr.
Sie wimmerte.
Schweißgebadet wachte sie auf. Zitternd. Stand auf und ihr wurde erst einmal schwarz vor Augen. Als sie wieder klar sehen konnte ging sie unter die Dusche, versuchte sich den Schmerz, den Ekel von der Haut zu schrubben.
Er ging einfach nicht weg. Und dann war da Samuels lachendes Gesicht, und nicht nur das seine.
Sie alle lachten. Zeigten auf sie. Und kamen näher, während sie in den Rosenblättern nach Halt suchte, war sie doch wehrlos. Ungeschützt. Verletzlich – kaputt.
Sie war bereits zerbrochen.
Heute war… Freitag. Und sie musste nicht zur Arbeit, denn aufgrund der Vorbereitungen für den Ball hatten sie alle frei bekommen.
Sie überlegte, ob sie jetzt etwas Frühstücken sollte – was vernünftig gewesen wäre, oder es lieber lassen sollte, da sie absolut keinen Appetit verspürte.
Sie hatte sich gerade für letzteres entschieden, da klopfte es an der Tür.

„Ja?“ Verwirrt sah sie den jungen Mann an, der ihr, mit einem Anzug bekleidet, eine große Schachtel überreichte.
Er ergriff ihre Hand und hauchte einen Kuss darauf: „Das ist für Sie.“
„Der Kuss? Oder das Paket?“, fragte sie amüsiert.
„Beides.“ Er zwinkerte ihr schelmisch zu. „Und noch viel mehr, wenn sie es verlangen.“
„Schon gut.“, lachte sie, „Aber das kann unmöglich für mich sein, ich habe nichts bestellt.“
„Sie haben dunkle Haare, sind wunderschön und aus ihren Augen spricht große Verletzlichkeit. Sie sind genau der Typ Frau, den Männer wie ich anziehend finden, wenn ich nicht irre lautet ihr Name Maggie und damit ist dieses Paket ein Geschenk für Sie.“
„Ehm… danke?!“, rief sie ihm hinterher.
„Ich bin nur der Bote!“, lachte er, während er den langen Flur Richtung Treppe durchquerte, „Ich bin nur der Bote.“
Sie schloss die Tür der Wohnung und öffnete den beiliegenden Briefumschlag.
Darin lag ein Kärtchen, in geschwungener Schrift stand dort geschrieben

Wenn du dich entschieden hast, lass es mich wissen.

Darunter standen eine Adresse und eine Uhrzeit.
Von wem mochte das sein? Sie wusste es beim besten Willen nicht. Samuel? Wäre ihm zuzutrauen. Jake? Dem sowieso. Ruben? Auch möglich.
Aber das alles machte für sie im Augenblick keinen Sinn.
Neugierig wollte sie gerade den Deckel lüften, da klingelte es abermals.
Sie seufzte und öffnete die Tür.
Diesmal stand da ein schlechtgelaunter Postbote und pfefferte ihr ein weiteres Paket förmlich vor die Füße.
„Ehm..?“
„Unterschrift bitte!“, grummelte er und hielt ihr ein Papier hin.
Sie unterschrieb und er ging weg.
Das Paket war von Jake, sein Name stand in großen Buchstaben auf der Karte.
Sie öffnete die Schachtel – und erstarrte.
Darin lag ein Kleid, blutrot und wunderschön. Es war mit goldenem Faden bestickt und sie zweifelte nicht daran, dass es sich ihrer Figur wie eine zweite Haut anpassen würde.
Ihr Telefon schrillte und zitternd hob sie ab. „Ja.“
„Maggie? Maggie, ist mein Paket schon angekommen?“
„Ja, Jake.“
„Ich dachte mir, dass du bestimmt nichts zum anziehen hast…“
„Ja, Jake.“
Sie war einfach nicht im Stande, etwas anderes zu sagen, aber Jake bemerkte nicht, dass sie nunmehr ein seelisches Wrack war.
„Du hast nie schöner ausgesehen, als an diesem Abend, Maggie.“, hauchte er. „Du erinnerst dich doch noch an den Ball?“
„Ja, Jake.“
„Aber wir konnten nie miteinander tanzen, weil du auf einmal weg warst.“
„Ja, Jake.“
„Ich hoffe, du wirst es morgen Abend anziehen. Ich liebe dich, meine Rose.“
Sie sagte nichts, legte einfach auf.
Dann rollte sie sich auf dem Teppich zusammen und krallte ihre Finger verzweifelt in ihr Haar.

Sie musste aufstehen. Sie musste weiterleben. Sie durfte sich nicht so von ihrer Vergangenheit kaputt machen lassen.
Damals hatte sie sich geschworen, ein neues Leben zu beginnen und hatte sie das nicht auch irgendwie geschafft?
Im Augenblick vermochte sie es nicht zu beurteilen, doch jede Faser ihres Körpers schrie nach Leben, auch wenn sie sich fühlte, als wäre sie bereits vor langer Zeit gestorben.
In der Nacht, in der alles ein abruptes Ende gefunden hatte.
Sie hatte ein rotes Kleid getragen. Ein langes, rotes Kleid, das ihr Sam geschenkt hatte.
Sie hatte es ablehnen wollen, doch Sam hatte darauf bestanden.
„Du bist die beste Freundin, die ich je hatte.“, hatte sie ihr unter Tränen erklärt, „Und ich konnte nie etwas für dich tun. Nimm es an… bitte! Schau mal, zu meinen blonden Haaren würde das auch überhaupt nicht passen!“
Sie hatte gelacht, Sam umarmt und es dann doch angenommen.
Sie hatte sie so geliebt.
Und dann hatte Sam sich in dieser Nacht so fürchterlich betrunken…
Und Samuel hatte die Situation schamlos ausgenutzt.
Bitterkeit lief ihr wie ein zu kaltes Getränk die Kehle runter. Sie meinte genau ausmachen zu können, welchen Weg sie sich gerade bahnte.
Und schaffte es dennoch, sich aufzuraffen.
Ihre Beine waren mehr oder weniger wackelig, doch ignorierte sie es. Ging einfach aus ihrer Wohnung und trat auf die Straße.
Sie stieg in einen Bus, in irgendeine Bahn und lief dann plan- und ziellos durch die Gegend.
Alles war ihr egal, alles. Sie war nur auf der Suche nach einem Halt, der ihr Kraft geben konnte, weiter zu machen.
Und dann war sie in einem Wäldchen… und erkannte, es war Rubens Wäldchen. Sie lief, ja, rannte fast auf sein Haus zu. Klingelte. Klopfte. Und erhielt keine Antwort.
Er war nicht da, kein Licht fiel aus dem Haus und sie hasste ihn dafür, dass er nicht da war, ließ sich an der Tür hinunter gleiten und hasste sich selbst dafür, dass sie sich so gewünscht hatte, er wäre da gewesen.
Was bildete sie sich überhaupt ein? Jeder normale Mensch arbeitete um diese Zeit und sie hockte hier, heulte fast und wünschte sich trotzdem, er wäre da.
Verlangte es förmlich.
Warum war er fort?

Auch dieses Mal musste sie sich wieder aufraffen.
Der Himmel verdunkelte sich langsam. Sie verfolgte Wolkenfetzen die über eben jenen zogen. Ohne große Eile, ohne bestimmtes Ziel.
Sie schleppte sich in ihre Wohnung und ignorierte das Kleid, dass dort lag so gut wie möglich.
Ruben war nicht da, es gab auch keine Nachricht von ihm auf ihrem Anrufbeantworter.
Dafür eine von Jake. Das übliche. „Ich liebe dich, du bist mein ein und alles. Meine wunderschöne Rose.“
Wie oft hatte sie schon erklärt, sie würde es hassen, wenn er sie so nannte.
Aber den wahren Grund konnte sie ihm nicht nennen.
Da waren so viele Paare auf der Tanzfläche, die sich ausgelassen der Musik hingaben, die gespielt wurde.
Jake hatte unbedingt mit ihr tanzen wollen und einen Tanz hatte sie ihm auch versprochen.
Aber nur einen.
Für sie war tanzen etwas… sehr emotionales, und das wollte sie nicht unbedingt mit Jake teilen, denn mehr als ein Freund würde er für sie wohl nie werden.
„Gleich tanzen wir, ja? Ich muss nur schnell eben noch etwas regeln mit William.“, hatte er mit freudestrahlenden Augen gefragt.
William war sein kleiner Bruder, sie hatte angenommen, es ging um den Nachhauseweg.
Wie gut sie sich noch an jedes Detail erinnern konnte.
Zu gut.
Sie zog ihre Sachen aus und legte sich ins Bett, kuschelte sich tief in ihre Decke.
Und doch wollte und wollte sich kein Gefühl von Wärme einstellen.
Sie fühlte sich so leer, und diese Leere schmerzte.
Und sie war nicht einmal schuld.
Blätter. Rosenblätter. Zerfetzt. Mondlicht, das auf ihre bloße Haut fiel. Blut. Angst. Und das Lachen.
Das grausame Lachen derer, die ihr hätten helfen können.
Und es nie taten.

Den ganzen Tag über fühlte sie sich elend. Sie schleppte sich trotzdem in die Dusche und machte sich fertig für den Ball.
Sie schaffte es allerdings nicht, etwas zu Essen hinunterzuwürgen.
„Bade dich nicht in Selbstmitleid!“, sagte sie laut.
Sie richtete ihre Haare, schminkte sich.
Als sie fertig war, fühlte sie sich, als hätte sie eine Maske angelegt, als wäre sie zumindest für heute Abend in der Lage, ihre Gefühle, ihr selbst zu kontrollieren, zu überspielen.
Sie zog das Kleid an, das ihr Jake geschenkt hatte.
Und hätte nahezu geweint, als sie in den Spiegel blickte. In jedem Fall begann sie zu zittern.
Schlampe! Schlampe! Schlampe!, hallten die lachenden Stimmen laut in ihrem Schädel wieder.
Sie fuhr an dem kühlen Stoff hinab und schüttelte den Kopf. Nein. Nicht jetzt, nicht heute Nacht.
Sie straffte die Schultern, stand aufrecht und blickt mit angehobenem Kinn in den Spiegel.
Sie war bereit.
Der Maskenball konnte beginnen.

„Hallo!“, lächelte Jake und hielt ihr einen Strauß mit – na, was wohl – roten Rosen hin.
„Hallo.“, antwortete sie, bedankte sich nicht für die Rosen, sondern ließ sie achtlos auf der Kommode liegen.
„Können wir?“
„Natürlich.“
„Du hast das Kleid angezogen!“
„Natürlich.“
„Und es passt wie angegossen! Gott, Maggie, du bist so wunderschön… Aber sag mal, was für ein Paket hast du da unter deinem Arm?“
„Das? Oh…“ Sie hatte das bisher ungeöffnete Paket eigentlich öffnen wollen, als Jake schon an der Tür geklingelt hatte. Also trug sie es nun unter ihrem Arm.
Trotzdem wollte sie es nicht zu Hause lassen und nahm es mit.
„Ich weiß nicht, ich habe noch nicht reingeguckt und vielleicht wird es auf dem Ball ja später langweilig.“
„Du bist verrückt!“, lachte Jake, „Aber genau das liebe ich ja schließlich an dir – unter anderem.“
„Jake ist gut.“, murmelte sie.
„Wieso darf ich meiner Verlobten nicht sagen, dass ich sie liebe?“
„Weil ich nie ja gesagt habe.“
Er erstarrte in der Bewegung und sah in ihre Augen. Jene verletzten Augen von denen er sich vom ersten Moment an nicht hatte losreißen können.
„Das ist ganz normal, dass du kalte Füße bekommst.“, erklärte er dann, „Ich glaube, das geht jedem so.“
Sie seufzte verzweifelt und gab es auf für heute Abend.
Er hielt ihr die Tür seines schwarzen Wagens auf, sie setzte sich hinein. Wie sehr er sich doch verändert hatte durch die Jahre.
Seine sandfarbenen Haare fielen ihm nun länger ins Gesicht, dass nun nicht mehr von seiner Brille bestimmt wurde.
Sein Onkel hatte ihm Kontaktlinsen geschenkt, und spätestens seit die beiden zusammen gekommen waren hatte er sein Selbstwertgefühl um ein enormes gesteigert.
Er ging aufrecht und stand mit beiden Beinen im Leben.
Er war ein durchaus attraktiver Mann.
Und doch – lieben konnte sie ihn nicht. Nicht mehr als einen guten Freund.

Sie stiegen aus und waren direkt inmitten des Trubels.
Sie hatte nicht damit gerechnet, dass der Chef [u]so[/u] eine riesige Sache aus der Angelegenheit machen würde, doch nun waren Presseleute ohne Ende aufgeschlagen und ein wahres Blitzlichtgewitter regnete über sie hernieder.
Es war Maggie unangenehm und sie beeilte sich, hineinzulaufen, während Jake noch ein bisschen stehen bleiben wollte.
Darauf nahm sie allerdings keine Rücksicht, war eher erzürnt: „Was soll das? Bist du jetzt unter die Rampensäue gegangen?“
„Ich genieße es einfach, auf Fotos mit meiner Heißgeliebten Verlobten gesehen zu werden!“, lachte er laut und legte einen Arm um sie.
„Du weißt genau, wie unangenehm mir das hier ist“, murmelte sie, „Also lass uns die Sache schnell hinter uns bringen.“
„Das werde ich nicht. Ich werde jede einzelne Sekunde dieses Abends genießen, denn ich werde sie mit dir verleben.“
„Du weißt schon, dass ich auch mal zur Toilette muss?“
„Das ist ein Grund, aber kein Hindernis.“
„Oh bitte.“
Sie war so unfreundlich zu ihm wie nur irgend möglich, und trotzdem ließ er nicht von ihr ab. Sie verstand es beim besten Willen nicht.
Das Essen verlief mehr oder weniger unspektakulär. Glücklicherweise saßen Martha und Leslie in ihrer Nähe und lenkten Jake ein wenig ab.
Unglücklicherweise saß Samuel neben Martha und verschlang Maggie förmlich mit seinen Blicken. Sie hingegen versuchte krampfhaft, in eine andere Richtung zu sehen.
Es war ja nicht so, dass sie nie Gefühle für ihn gehabt hätte – doch lag dies schon lange Zeit zurück.
Dennoch tauchte er jede Nacht in ihren Träumen auf.
Ein langsames Lied setzte ein. Bereits über die Hälfte der anwesenden Gäste waren auf der Tanzfläche und wiegten sich ruhig hin und her. Unweigerlich blitzte Rubens Gesicht in Maggies Erinnerung auf.
Sie seufzte – und Jake nahm dies anscheinend als Zeichen für ihren Wunsch zu tanzen.
„Darf ich bitten?“, fragte er.
Sie zuckte zusammen. Wieder dachte sie an Ruben, strich sich nervös die Haare hinter die Ohren und lächelte Jake an:
„Ehm…ja… gleich… ich gehe mich nur eben frisch machen…“
„Für mich bist du auch so wunderschön!“, rief Jake ihr hinterher. Sie verdrehte die Augen.
Vor der Toilette war einfach zu viel Betrieb und sie brauchte einen kurzen Augenblick für sich – alleine.
Also schritt sie die Treppen zu den Büros hoch und ließ sich im dunklen Gang an der Wand hinabgleiten.
Okay, gehen wir das ganze noch mal durch. Du tanzt einmal mit Jake. Du sagst ihm am Ende des Abends, dass du ihn nicht liebst. Du erklärst ihm, dass du nicht mit ihm zusammen sein willst. Du schießt Samuel endgültig in den Wind. Du machst dich nicht so abhängig von Ruben. Vielleicht ist es besser, du vergisst ihn. Ja. Und vielleicht ist es besser, du nimmst endlich Abstand von deiner Vergangenheit. Wenn…
Sie hörte ein leises Geräusch. Jemand atmete. Ganz in ihrer Nähe.
Alle ihre Nackenhaare stellten sich auf, sie fasste sich ans Herz und rief mit zitternder Stimme:
„Wer… ist da?“
Ein leises Lachen ertönte.
Ein Lachen, das ihr einen Schauer über den Rücken jagte.
Ein Lachen, das sie vom ersten Augenblick an hasste.
„Schön, dass du hierher gekommen bist, Magdalena. Ich habe bereits auf dich gewartet.“
„Was… machen Sie denn hier?“, fragte Maggie geschockt.
„Du brauchst mich doch nicht Siezen. Du doch nicht.“
Etwas in seiner Stimme machte ihr angst. Richtig angst.
„Ja also, ich glaube ich gehe dann auch besser wieder.“
„Das wirst du schön lassen.“, grinste ihr Chef anzüglich und hielt sie an den Schultern fest.
„Ich muss wieder runter. Jake wartet.“
Sein Griff verstärkte sich, er tat ihr weh. Sie spürte förmlich, wie sich blaue Flecke ankündigten.
„Jake kann warten.“, sagte er leise. Bedrohlich. Fuhr mit seinen Lippen über ihre Wange.
Es schauderte sie, sie wand sich in seinem Griff, verzweifelt, versuchte sich loszureißen, versuchte, ihn zu treten, zu beißen, zu kratzen, irgendetwas.
Es gab kein Entrinnen.
Machtlosigkeit. Da war nur Machtlosigkeit, sie fühlte sich so unendlich verloren und ihr wurde schlecht.
Sie kannte das Gefühl. Nur zu gut.
Er riss an ihrem Kleid, fuhr unter ihren Rock.
Sie versuchte zu schreien, er stopfte ihr irgendetwas in den Mund und verhinderte es.
Gerade, als sie sich in ohnmächtiger Verzweiflung einfach nur nach dem Tod sehnte, nicht mehr spürte, wie er ihr ins Gesicht schlug, um zu verhindern, dass sie sich wehrte, kurz davor war, in sie einzudringen, sie mit seinem widerlichen Schwanz zu durchbohren und ihr das letzte ihr verbliebene bisschen würde herauszuficken, schwang die Tür auf und jemand zerrte ihn von ihr herunter.
„Ach? Diesmal unternimmst du tatsächlich etwas? Das sind ja ganz neue Sitten.“ Ihre Stimme war erstaunlich gefasst, für das, was gerade eben passiert war.
Ihr Chef lag bewusstlos auf dem Boden, während Samuel sie verständnislos ansah: „Was meinst du? Ich habe dich grade vor dem schlimmsten gerettet!“
„Ich spreche auch nicht von dieser Nacht.“
Er senkte den Blick. „Ich habe dir schon einmal gesagt, wie leid mir das alles tut…“
„Leid?? Das holt Sam auch nicht wieder zurück.“
„Es war eine Mutprobe, verdammt! Konnte ja keiner ahnen, das sie herunter fällt.“
„Eine Mutprobe? Ihr habt sie gezwungen, über das Schuldach zu laufen!“
„Ja und? Sie ist schließlich selbst darauf gestiegen.“
„Jake hat mir alles erzählt. Du hast ihr gesagt, sonst würdest du mir das Leben zur Hölle machen.“
„Das hatte ich so oder so nicht nötig. Deinen Ruf hast du dir selbst ruiniert.“
„Weißt du überhaupt, wieso Sam vom Dach fiel?“
„Nein, das war… seltsam. Sie ist nicht ausgerutscht oder so.“
„Sie hat sich erschrocken. Denn sie sah dabei zu, wie ich vergewaltigt wurde.“

“So spät noch alleine unterwegs? Wo hast du deine kleinen Freunde gelassen?“, hatte er sie gefragt und war näher auf sie zugetreten.
„Ich suche Sam“, erklärte sie, „Haben Sie sie vielleicht gesehen?“
„Nein, das tut mir leid, Rose.“
Sie zuckte zusammen und sah ihn verwirrt an.
„Gefällt es dir nicht, wenn ich dich so nenne? Rose. Der Name ist so passend. Jake hat ihn sich ausgedacht, nicht wahr? Wie begehrt man doch ist, wenn man so hübsch ist wie du.“
Es war ihr unangenehm. Und alles in ihr schrie, sie solle weglaufen. Doch musste sie sich denn fürchten? Es war doch ihr Lehrer und er unterrichtete sie schon seit Jahren…
„Du bist bildhübsch, weißt du.“, hatte er gemurmelt, „Und ich habe dir etwas mitgebracht, meine Schönheit.“
Hinter seinem Rücken hatte er einen Strauß mit blutroten Rosen hervorgeholt.
Seine Hände, die sie grausam und unerbittlich festhielten.
Während er immer und immer wieder in sie eindrang.
Sie zerfetzte.
Sie spürte, wie er ihren Leib schändete. Tränen rannen ihr die Wangen herab.
Sie nützten nichts.
Stumme schreie, ihre Seele schrie, schrie, wollte nicht mehr.
Wollte sterben.
Da war zu viel Elend.
Der stechende Schmerz in ihrem Unterleib.
Der Wahn in seinen Augen.
In seinem kalten Blick.
Hilflosigkeit. Und da war niemand, der ihr zur Hilfe eilen konnte.
Niemand.
Sie bekam immer weniger von der Außenwelt mit.
Sie war taub. Seelisch und körperlich.
Es war, als würde sie sich von oben beobachten.
Und sie verschloss die Augen.
Es tat zu weh.
Und mit einem Mal erwachte sie aus ihrer Trance, denn ein Aufschrei durchfuhr die Dunkelheit – und er kam nicht aus ihrem Munde.
Denn ihr Peiniger presste ihr ja einen Stofffetzen in die Mundhöhle – was er bedauerte, so konnte er nicht von ihren süßen Lippen kosten, doch es ging nicht anders.
Sie sah Sam, sah geradewegs in ihr schockiertes Augenpaar.
Und dann fiel sie. Und fiel.
Sam.

Maggie hatte ihren Kopf in ihren Händen vergraben, die Knie an die Brust gezogen und wiegte sich hin und her.
Hin und her.
Zu viele Erinnerungen, die mit aller Gewalt auf sie einpreschten.
Sie konnte noch jetzt den Schmerz jener Nacht fühlen.
Und auch jetzt sehnte sie sich nach dem Tod.
Samuel hatte ihren Chef hinausgeschleift und in Richtung Polizeirevier.
Er hatte kein Wort mehr verloren darüber, wie sie sich revanchieren könnte.
Hatte er endlich verstanden? Sie wusste es nicht.
Plötzlich umfasste jemand ihre Hände.
Mit tränenblinden Augen sah Maggie auf und murmelte: „Ruben?“
„Was… wer ist Ruben??“, fragte Jake, halb entrüstet, halb misstrauisch, „Und überhaupt… wo warst du?“
„Mein Chef.“, sagte sie tonlos, „Er hat versucht, mich…“
„Dich was?“
„Mich zu vergewaltigen.“
„Was?!“
„Jake. Hör zu. In jener Nacht… unser Abschlussball. Alle haben mich ausgelacht, weil sie dachten, ich hätte mit unserem Lehrer geschlafen, nur du hast zu mir gehalten.“
„Ja. Und?“
„Die Wahrheit ist – ich habe mit ihm geschlafen.“
„Du hast was ?!“
„Allerdings nicht freiwillig. Er hat sich an mir vergangen. Und ich habe alles verloren, was mir lieb war.“
„Mich hast du nicht verloren.“
„Doch.“ Weitere Tränen flossen hohen Wangenknochen hinab, als sie eine Hand an seine Wange legte. „Doch. Ich habe meinen besten Freund für immer verloren. Und mehr wollte ich nie von dir, Jake.“
In dieser Sekunde verstand er.
In der nächsten hatte sie sein Herz gebrochen.
„Aber du hast… wir haben…“
„Es gibt keine Entschuldigung für das, was ich getan habe. Ich hatte wahnsinnige Angst, auch dich zu verlieren.
Als er fertig war… auf einmal standen alle aus der Schule um mich herum und lachten und wollten gar nicht mehr aufhöre. „SCHLAMPE!“, schrie Samuel.
Und niemand kümmerte sich um Sam, die nur einige Meter entfernt da lag.
Sie war nicht augenblicklich tot. Sie lebte noch.
Und ich lag da, gebettet in Rosenblätter und Blut in meinem Mund, auf meiner Haut. In meinem Haar. Hilflos. Machtlos.
Niemand hielt zu mir, nicht einmal meine Mutter. Nur du…
Ich wollte dich nicht kränken. Und ich habe dich zu sehr geliebt, um dir wehtun zu können – aber nur als Freund.“
„Das hast du aber soeben getan“, hauchte Jake.
Sie stand auf, wenn auch auf etwas wackeligen Beinen.
„Überlege dir, ob du mir verzeihen kannst.“, murmelte sie.
Dann schritt sie in die Nacht hinaus. Allein. Verzweifelt. Und immer noch am Leben.

Sie wollte den Gästen und insbesondere Martha und Leslie nicht begegnen und so verschwand sie unauffällig durch den Hintereingang.
Die kleine Laterne, die hier brannte erhellte die Gasse, in der sie sich nun befand und in der für gewöhnlich die Abfälle entsorgt wurden nur unzulässig.
Sie fühlte sich, als wäre sie blind, taumelte, und wäre sie nicht gestolpert und hätte an einer Mülltonne Halt gesucht, so wäre es ihr wohl nie aufgefallen.
Aber hier lag ein Paket. Eben jenes, das sie von zu Hause mitgebracht hatte.
Sie öffnete den Schachteldeckel und ihr Herz zog sich mit einem mal mit einer ungeahnten Kraft zusammen.
Sie zweifelte einen Moment lang daran, ob es überhaupt noch schlug.
Der folgende Schmerz war als ein Stechen zu bezeichnen, tief und bekräftigt von der Erkenntnis, die sie mit einem Mal überkam.
Sie musste nicht einmal auf die Notiz, die beilag, anschauen, um zu wissen, von wem es war.
Und sie wusste noch viel mehr.
Ohne zu zögern streifte sie sich das rote Kleid über den Kopf und zog es aus.
Auch die ersten Regentropfen eines nahenden Gewitters vermochten es dabei nicht die Spur ihrer Tränen zu überzeichnen.

Er stand vor dem Gemälde, welches im Zentrum des Raumes stand.
Er hatte mit Sicherheit 9 Angebote in Höhe von mehreren hundert tausend Euro bekommen, doch hatte er verneint.
Dieses Bild zu verkaufen wäre, als ob er ein Stück seiner Seele verkaufen würde.
Traurig wandte er sich um und erkannte, dass sie immer noch nicht da war. Jedoch ließ er sich diese Trauer durch nichts anmerken.
Leute um ihn herum, überall. Stark geschminkte Damen, die ihn anblinzelten, ihm schöne Augen machten und so als wäre es Zufall über seinen Arm strichen.
Männer, die ihn als idealen Gesprächspartner für eine kunstwissenschaftliche Analyse seiner Werke sahen.
Doch er wollte über seine Werke nicht sprechen.
Er ließ sie sprechen.
Hatte er, der große Menschenkenner, sich in ihr getäuscht?
Er wusste nichts mehr. Seit er sie getroffen hatte.
„Mister Sullivan! Da möchte sie jemand sprechen…“, sagte der etwas verschüchterte Portier der Galerie.
Er warf einen Blick aus den nahezu riesigen Fenstern und runzelte die Stirn: „Aber doch nicht etwa draußen?“
„Naja also… ich denke nicht, dass ich sie so reinlassen kann…“
„Sie?“
„Ja, es ist eine Frau, Mister, und sie…“
„Ist schon gut. Ich gehe.“
Er musste an sich halten, um den Weg zur Treppe nicht im Sprint hinter sich zu legen.
„Oooh, Mister Sullivan! Sie habe ich gesucht – ich darf doch Ruben zu ihnen sagen?! Also deine Werke sind… wie soll ich sagen… erregend frisch!“, hauchte eine Blondine, die sich an seinen Arm klammerte.
„Grade nicht.“, war sein einziger Kommentar, als er sich unsanft von ihr losmachte und zur Tür hinausging.
Es regnete. In Strömen, um genau zu sein, es prasselte auf die Straße nieder, so als hätte diese kein Recht, zu existieren.
Und doch, trotz des regenverhangenen Himmels war diese Straße weder trüb noch grau in seinen Augen.
Denn dort stand ja sie.
Zitternd. Verweint. Völlig durchnässt. Der zartgrüne, leichte Stoff des Kleides, das er ihr geschenkt hatte, war aufgrund des Wassers halb durchsichtig und offenbarte einen Großteil ihres wundervollen Körpers. Das schönste, was er je gesehen hatte.
Sie sprach kein Wort. Ihre Augen sagten alles.
Ohne große Eile ging er auf sie zu.
Die Art, wie er seine Arme um sie legte erschien er ganz natürlich, wie die Luft zum Atmen.
Und ebenso notwendig.
Sie sah ihn aus ihren großen, whiskeyfarbenen Augen an und murmelte:
„Es gibt so viel, das ich dir sagen muss.“
„Und es gibt so viel, dass ich dir zeigen muss.“, erwiderte er.
Er ergriff ihre Hand, und ohne Rücksicht auf den protestierenden Portier zu nehmen schritten sie in das Gebäude.
Als sie den Saal betraten herrschte Totenstille.
Maggie nahm an, es lag daran, dass sie völlig durchnässt hier stand.
Sie konnte nicht ahnen, dass sie aussah wie ein zauberhaftes Wesen aus einer anderen Welt. Gleich einer wunderschönen Waldnymphe.
Noch konnte sie ahnen, dass in gewisser Weise an diesem Abend aller Augen stets nur auf ihr geruht hatten.
Denn niemand geringeres als sie war auf dem Gemälde in der Mitte des Raumes abgebildet.
Sie war schockiert ob der Ähnlichkeit.
Noch schockierter war sie jedoch, da Ruben es geschafft hatte, sowohl ihre Gedanken als auch ihre Gefühle in dieses Abbild einzuwirken.
Es zeigte sie auf der Straße bei ihrer ersten Begegnung.
Hilflos. Rastlos. Verzweifelt. Gebrochen. Und doch wunderschön.
Ruben sagte nichts. Er umfasste zärtlich ihr Gesicht, vergaß die Leute um sich herum, vergaß die ganze Welt. Nur sie zählte in diesem Augenblick.
Und dann küsste er sie.
Küsste sie, sodass Zärtlichkeit sie überflutete gleich einer Tsunami.
Dass die Liebe zu ihm sie durchdrang gleich einem Pfeil der Artemis.
Dann hob er sie auf seine Arme und trug sie wieder hinaus, in den Regen. Und die Straße entlang.
„Wohin gehen wir?“, fragte sie. Tränen schimmerten in ihren Augen, flossen ihre Wangen hinab.
„Nach Hause.“, antwortete er und entfachte auf ihren Lippen ein Feuer, dass schier alles verzehrte.
So wie sie sich nach ihm verzehrte.
Und ein Lächeln stahl sich auf eben jene Entflammten.
Sowie in ihr entflammtes Herz.

von Jaelle


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