Warum der Schnee weiß ist

Es war einmal, in einer Zeit, in der der Schnee noch lila pink getupft war, ein Hase, der wohnte in einer kleinen Hasenhöhle. Jener Hase war eigentlich ganz normal… sein Fell war grau-braun, er hatte schöne, lange Ohren und konnte sehr schnell laufen. Eine Besonderheit waren seine Augen. Er hatte wunder schöne, große, strahlende Augen, und jeder, der in sie blickte, wurde verzaubert. Das erleichterte dem Hasen sein Leben um einiges. Wollte er etwas zu fressen, fand aber nichts, fragte er einfach jemanden, ob er etwas haben könne. Verfolgte ihn ein Fuchs oder ein anderes Raubtier, drehte er sich um und blickte ihm lange in die Augen. Sofort schlossen sie Freundschaft, so kam es auch, dass er Unmengen an Freunden hatte in allen möglichen Arten. Und es war ein Glück, dass Hasi, so hieß der Hase, so lieb war, denn sonst hätte er womöglich diese Gabe missbraucht.
Aber jener Hase hatte noch eine Besonderheit: Er hatte eine Schwäche für Zitroneneis. Konnte er es bekommen, aß er alles, was da war, er hätte alles getan für Zitroneneis, er war nahezu süchtig danach. Deshalb hatte er auch regelmäßig Bauchweh von dem vielen Eis, aber das machte ihm nichts aus.
Nun suchte zu jener Zeit die Tochter der Schneekönigin, die Frostfee, ein Haustier. Aber mit einem Eisbären oder einem Seelöwen konnte die Schneekönigin ihre kleine Tochter nicht glücklich machen, nein, ein Hase musste es sein. „Zum Kuscheln und lieb Haben“, meinte das Töchterchen und verschränkte die Arme vor der Brust, und so sehr die Schneekönigin diese Worte auch erschreckten, bestand sie doch auf ihren schlechten Ruf, musste sie klein beigeben.
Also schickte sie einen Boten los, ein Schafwölkchen das gerne böse geworden wäre, ihr ein geeignetes Objekt zu suchen.
Und, wie konnte es auch anders sein, früher oder später traf dieses Wölkchen auf Hasi, und nahm ihn mit. Inzwischen hatten sich aber auch diese beiden angefreundet und Wölkchen war im Begriff ihn wieder auszusetzen. „Hör zu“, sprach sie, „Der Eispalast der Schneekönigin ist kein guter Platz für Hasen wie dich. Es ist sehr kalt dort und die Aura des Bösen durchdringt alles (es hatte ein Gespür für Auren). Und wenn die Schneekönigin dich nicht mag, ich weiß nicht, was sie dir antun wird…“
Aber Hasi wollte nichts davon wissen. Denn schließlich, meinte er, sollte selbst die Tochter der Schneekönigin einen Hasen zum Kuscheln und lieb Haben besitzen, sonst würde es ja total vereinsamen und dafür war Hasi zu herzensgut. Da er sich nicht überreden ließ, brachte das Wölkchen in besagtes Schloss und ging gen Osten, wo es dem Buddhismus beitrat.
Hasi aber wurde von den offenen Armen der kleinen Eisfee begrüßt und fort an waren sie unzertrennlich. Die Wochen vergingen und es gab keinen Tag, an dem sie nicht zusammen spielten. Die Eisfee blühte förmlich auf unter dieser Freundschaft.
Sie bekam ganz rosige Wangen, und ihre hellen, fast weißen Haare leuchteten seltsam, genau wie ihr Augen.
Aber Hasi ging es von Tag zu Tag schlechter. Er vermisste die sanften Hügel, die großen Wälder und die Flüsse seiner Heimat. Er sehnte sich nach seiner Hasenhöhle, nach den anderen Tieren, und vor allem nach Wärme. Denn hier war es eiskalt, verständlicherweise. Natürlich hatte er auch hier Freunde, aber es war eben nicht sein zu Hause. Bald aß er nichts mehr, er trank nichts mehr und er konnte nicht mehr schlafen. Und eines Tages brach er zusammen. Da brachte die Eisfee Hasi weinend zu ihrer Mutter. Diese erkannte sofort die Lage und erklärte ihrer Tochter, dass Hasi nach Hause müsse, weil er so großes Heimweh habe. Doch die Eisfee wollte ihren einzigen guten Freund nicht hergeben. Sie lief davon und weckte ihn vorsichtig. „Hasi?“ Vorsichtig schlug er die Augen auf. „Hasi! Hasi…du darfst dir alles wünschen, was du willst, nur, dass du bei mir bleibst.“ Und der Hase, der, noch im Halbschlaf, noch nicht wach genug war um das wirklich zu verstehen murmelte nur: „Zitroneneis…“, weil er gerade davon geträumt hatte. Da verwandelte sich alles und jeder in Zitroneneis, nur Hasi war normal geblieben.
Mit einem Schlag war er vollkommen wach. Zuerst hielt er das alles nur für einen Traum. Er kostete vom Schnee und stellte fest: es war wirklich Zitroneneis. Im Übrigen hatte auch alles die weiße Farbe des Zitroneneis angenommen, sogar er selbst. „Hallo?“, rief er zaghaft. „Hallo!“ Aber nichts regte sich. Da verzweifelte Hasi. „Was habe ich nur getan?!“, dachte er traurig, „Alle sind… tot mehr oder weniger!“ Als er so die Gegend absuchte, gelangte er in den Thronsaal der Schneekönigin. Diese machte ein recht entspanntes, ruhiges Gesicht, ja, Hasi meinte sogar den Hauch eines Lächelns auf ihren ebenmäßigen, beinah spiegelglatten Zügen zu erkennen. Und neben ihr lag ihr Zauberstab. Aber… was war das? Der kunstvoll aus Bonbonmasse gefertigte Stab war nicht zu Zitroneneis erstarrt! Schnell hüpfte Hasi zu eben diesem und fragte atemlos: „Kannst du mir vielleicht helfen?“ „Sicherlich“, erwiderte der Stab, „Aber du musst wissen, was du möchtest. Findest du es nicht schön, all das Zitroneneis? Von nun an kannst du es zum Frühstück, zum Mittag- und zum Abendessen speisen, ja, es wird für dein ganzes Leben reichen!“ Die Aussicht war schon verlockend… sehr verlockend für einen Zitroneneissüchtigen. „Nein!“, erwiderte jedoch Hasi mit fester Stimme, „Nein. Das da sind meine Freunde, und sie sollen nicht wegen meiner Torheit leiden. Außerdem könnte ich nicht ohne sie leben. Mach, dass sie wieder normal sind!“ Da verwandelte sich wieder alles, und es war wie zuvor. Die Eisfee erkannte ihren dummen Fehler und ließ Hasi gehen. Sie bekam zwar eine Woche Hausarrest, aber das war nicht so schlimm, denn sie und Hasi schrieben sich regelmäßig Briefe und da wurde ihr es nicht so langweilig. Hasi kehrte nach Hause zurück, wo er sich eine Häsin suchte und viele süße Kinder bekam. Die Schneekönigin richtete ein Ferienschloss in seiner Heimat ein, wo sie und ihre Tochte mindestens einmal im Monat hinfuhren, um Hasi zu besuchen und sich von ihrer anstrengenden Arbeit zu erholen.
Hasi war seit jenem Tag weiß, dass hatte der Stab nicht beheben können.
Und auch Schnee und Schneekönigin waren dieser Farbe treu geblieben, fand sie doch, dass weiß sehr viel dekorativer sei und außerdem wunderbar ihre Augen betonte.
Seit dem ist der Schnee weiß.

von Jaelle


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