Im Klassenzimmer auf den Stuhl gefesselt. Die Kleidung klebt am Körper. Die Sachen sitzen nicht richtig, unruhiges Rutschen, hin und her. Hin und her. Vorne ein Mensch, von Gram erfüllt. Gescheiterte Träume, gescheitertes Leben. Er redet, dieser Mensch, ohne Wert darauf zu legen, dass man ihm zuhört. Alles egal. Die Schüler sowieso. Sie waren vielleicht einmal wissbegierig, aber diese Eigenschaft wurde ihnen schon lange abgewöhnt. Lernen oder Untergehen. Zahlen und Tabellen. Unsinnig aneinander gereihte Buchstaben, die sie in zwei Monaten längst verdrängt haben werden. Resignation hängt in der Luft. Fluchtgedanken werden von der Schwere der Hitze unterdrückt. Auf dem Stuhl, unter dem Tisch bildet sich mittlerweile der Gedanke von Platzangst. Raus hier. Ganz leise schleicht sich der Gedanke in den Kopf, schwillt an, bis er alles ausfüllt. Raus hier, weg, nur weg.
Immer noch gefesselt. Von kurzweiliger Ohnmacht ergriffen. Innerlich so leer, dass es weh tut. Blick aus dem Fenster. Dächer über Dächer. Vereinzelt ein paar armselige Bäume. Sie bessern das Gefühl der Atemnot nicht, im Gegenteil. Reise ins Unterbewusstsein, die Gedanken schweifen ab, in andere, trostvollere Realitäten. Bis sich zum Unterricht zurück gezwungen wird. Es ist ja wichtig, auf zu passen. Es ist ja wichtig.
Wenn doch nur.
Ein Fluss sein. Frei und ungebändigt. Der alles mitreißt in seine Tiefen, in seine Strudel.
Wind sein. Überall und nirgends. Gefürchtet, verehrt. Von roher Gewalt zu sanftem Rauschen.
Feuer sein. Alles verzehrend, aufflammend, faszinierend.
Unvergessen bleiben.
Das Fenster aufmachen und Fliegen. Aufstehen und Schreien. Ein Lachanfall. Ein Heulkrampf. Gefühl bitte. Ein Ende der Taubheit. Blick in die Runde. Genauso gelangweilte Gesichter. Ausdruckslos. Oberflächlich.
Es ist kaum mehr auszuhalten. Raus…raus…raus… monotones Trommeln im Gehirn.
Total verrückt. Unmöglich. Nie im Leben.
Nüchtern betrachtet ist es keine große Sache. Vielleicht 6 Schritte, vielleicht eine Viertelstunde zu früh, vielleicht ein Eintrag.
Aber der Mensch war noch nie nüchtern. Es sind fassungslose Blicke, es sind 28 Augenpaare im Rücken, es ist ein Schritt der alles Verändern kann.
Langsam erhoben und kerzengerade im Raum stehend. Die Fassade aller fällt. Genugtuung. Stolzer Gang. Jeder Meter befreit aus dem erschaffenen Gefängnis. Die Tür. Das Tor. Ein letzter Blick zurück. Ein Lächeln, das nie vergessen wird. Verzauberung. Der richtige Weg. Die Wahrheit in den Augen stehend.
Und dann der Flug ins Nimmerland.

von Jaelle


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