Er erwachte. Und als er die Augen aufschlug, blickte er in einen strahlend weißen Himmel, an dem nur vereinzelt goldgelbe Wolken hingen, wanderten, und mit ihren Bildern die Welt widerspiegelten, die sie wahrnahmen. Vorsichtig richtete er sich auf. Um ihn herum, eine riesige Wiese. Voller Gänseblümchen. Ein Lächeln glitt über sein Gesicht. Als er einen Fuß aufsetzte, sank er ein wenig ein. Als wäre er in einem Traum gefangen. Er ging über die Wiese, bewunderte die Pracht und Vielfalt der Blumen. Vereinzelt sah er Erdbeeren, nahm ihren Duft war. Und fühlte sich glücklich, frei. Als er eine Zeit so gegangen war, entdeckte er mitten auf der Wiese… ein Mädchen. Ein kurzes, hellgelbes Kleid, das sich von der weißen, ja bleichen Haut abzeichnete. Ein zartes, aber nicht unbedingt verletzliches Gesicht. Gänseblümchen in die mittellangen, hellbraunen Haare eingeflochten. Ohne zu Zögern setzte er sich zu ihr und sprach sie an. „Hallo Erdenblüte. Oder wie heißt du? Warum schläfst du denn?“ Sie reagierte nicht. „Du scheinst ja gut zu schlafen. Komisch. Ich komme mir selber vor wie in einem Traum. Aber was machst du dann hier?“ Sie atmete noch nicht einmal. Atmete sie wirklich nicht? Er fühlte ihren Puls. Nichts. Und doch war sie warm. Er war schockiert. Das passte nicht in diesen wundervollen Traum. Sie durfte nicht leblos sein. Er stand auf, und pflückte eine Erdbeere. Berührte mit ihr ihren Mund. „Riechst du sie denn nicht?“ Dann griff er zu einer Blume. Sie war plötzlich aufgeleuchtet, und er konnte dem Drang nicht widerstehen, sie ab zu Pflücken. Er hielt sie in der Hand, ganz vorsichtig, um sie nicht noch weiter zu schädigen. Er kitzelte das Mädchen damit an der Wange. „Wenn du jetzt die Augen aufmachst, dann kannst du sie sehen.“ Aber sie öffnete die Augen nicht. Da legte er ihren Kopf in seinen Schoß. Die Blume auf ihre Brust. Und er weinte um dieses wunderbare Wesen, das einfach nicht anfangen wollte zu Atmen. Die Blume glühte noch einmal auf. Dann verblasste sie. Und mit einem Mal begann das Mädchen zu Atmen.
Erst konnte er es kaum glauben. Hielt die Luft an, um einen Irrtum aus zu schließen. Um nicht von Enttäuschung überwältigt zu werden. Als sie aber sanft und noch in reinen Traum getaucht die Augen öffnete, er sich in diesen klar blauen Augen zu verlieren drohte, erkannte er, dass sie wieder lebte. Eine glühende Freude durchfuhr sein Herz, er lächelte froh. Und in diese Strahlen gehüllt, die doch Wärmer sind als so mancher Sonnenstrahl, erwachte sie völlig. „Es ist schön hier.“, murmelte sie leise. Ihre Stimme… melodisch, wie ein kleiner Bach, der sich Wasser spendend durch das kleine Tal schlängelte. Wie bei diesem Bach richteten sich die Blumen bei ihren Worten auf. „Bist du eine Fee? Eine Elfe?“ Lautete seine verwunderte Frage. „Eine Fee?“ Sie runzelte die Stirn. „Nein. Nein… Eine Elfe?“ Ein Lächeln. „Das mag schon sein.“ „Und haben Elfen auch Namen?“ „Vielleicht. Sag du es mir.“ Er überlegte kurz. „Elissa.“ „Hier liegt also die Elfe Elissa. Aber wer ist der Mann, in dessen Schoß ihr Kopf ruht?“ „Sag du es mir.“ Ein leises Lachen. Ein prüfender Blick. „Meolon.“ Kurzes Schweigen. Dann erhob sich Elissa, und wirbelte einige Male im Kreis. Dabei wurde ihr so schwindelig, dass sie hingefallen wäre, wäre Meolon nicht aufgesprungen und hätte sie aufgefangen. „Ich lebe.“, flüsterte sie außer Atem, während sie seinen Blick fest gefangen hielt. „Ja.“, lautete seine Erwiderung, fasziniert und vollkommen in ihren Bann geschlagen. Sie streifte mit ihren Lippen die seinen vorsichtig. Und doch war diese Berührung so heftig, das sie ihn tief berührte, so dass nun ihm schwindelig wurde. „Warum hast du das getan?“, fragte er, verwirrt, von den plötzlichen Sehnsüchten die in ihm hoch kochten. Ihr Lächeln verschwand aprubt, sie löste sich aus seinen Armen und wandte ihm den Rücken zu. Er erkannte, dass er etwas so geheimnisvolles und wunderschönes nicht hinterfragen durfte. Noch nicht. Da sie immer noch schwieg, setzte er sich auf den Boden und betrachtete die goldenen Wolken, die am Himmel vorüber zogen. „Wie in einem Traum.“ Kaum hatte er dies ausgesprochen, fuhr Elissa herum und funkelte ihn an, halb wütend, halb verzweifelt: „Nein! Nein… das darf kein Traum sein. Bitte nicht…“ Er ging zu ihr, bestürzt über ihre heftige Reaktion, legte vorsichtig eine Hand an ihr Gesicht. Sie blickte auf. „Meolon. Weißt du, wie lange ich nun schon träume? Ich habe schon viele tausend dieser Reisen hinter mir… und nie war es real. Ich kann nicht mehr. Denn irgendwann verschwindet alles einfach. Freunde, Familie… Nur noch Erinnerung. Erinnerung an eine nicht existierende Welt. Ich kann das nicht mehr. Ich will das nicht.“ Eine Träne rollte über ihre Wange. „Bitte. Sag mir, dass du real bist. Bitte.“ Er blickte sie an. „Ja, ich bin real. Ich bin real für dich.“ Dann nahm er sie in seine Arme. Und sie ließ es geschehen.
„Das Gänseblümchen hat mich aufgeweckt. Danke.“ Diese leise gehauchten Worte brannten sich für immer in ihm ein.

Seine Hand fuhr suchend über das Bettlaken. Wo waren die Blumen? Weg. Auch war über ihm kein Himmel. Nur Wand. Jetzt wusste er auch, wo er war. Zu Hause. Er stand auf, zog sich an. Frühstückte und ging zur Arbeit. Elissa aber war nicht ganz vergessen, begleitete ihn als formloser Schatten durch den ganzen Tag.

Die Formen waren unklar, dann nahmen sie Gestalt an. Elissa lag über ihn gebeugt und betrachtete sein Gesicht. Ihre weichen Haare fielen in sein Gesicht. Er genoss es. „Was ist?“ Eine leise Frage. „Du hast geträumt.“ Es war eine Feststellung. „Oder“, fuhr sie fort, „bist du aufgewacht?“ Ihr ganzer Körper war angespannt, und er spürte, sagte er jetzt etwas falsches, dann würde er sie verletzen, ihr Vertrauen, ihre Hoffnung. Er sagte gar nichts, sondern ergriff nur ihre Hand. Sie war so schmal… Er sah in ihre Augen, die wie zwei Kristalle leuchteten und erkannte stumme Tränen. Wollte das Gesicht abwenden, doch Elissa umfasste es mit ihren Händen und zog ihn nah zu sich ran. „Du wirst mich nicht vergessen, wenn du wieder aufwachst?“ „Nein. Wie könnte ich das? Nein…“ „Habe ich… einen Platz in dir?“ Lange sagte er nichts. Dann lächelte er, und dieses Lächeln war so voller Liebe, dass die Tränen nun rollten und sie ihn ungehalten küsste. Völlig überrumpelt ließ er es geschehen, und erwiderte den Kuss. Fest an ihn gekuschelt, konnte sie endlich einschlafen, ohne Angst zu haben, in einer anderen Welt zu erwachen. Meolon fuhr noch lange durch ihre Haare. Bevor er erwachte.

Er öffnete die Augen. Fahles Licht drang durch das Fenster. Er stand auf, um es zu öffnen. Auf der Fensterbank lag ein einzelnes Gänseblümchen. Wunderschön… aber unglaublich einsam. „Elissa“, entfuhr es ihm. „Elissa.“ Und da erinnerte er sich wieder. An den Traum, der doch so ungewöhnlich wirklich war. Diesen Tag nahm er sich frei. Denn er musste über einiges Nachdenken.

Sie sah ihn aus traurigen Augen an. Ihre Hände und Füße waren durchschimmernd. „Ich beginne mich auf zu lösen.“ Ein verzweifeltes Flüstern. „Ich muss fort.“ Er ging einen Schritt auf sie zu, aber sie gebot ihm Einhalt: „Meolon, nein. Wenn du mich jetzt berührst, wirst du dich ebenfalls auflösen und kannst nie wieder in deine Welt zurück.“ Sie lächelte bittersüß. „Es war eben doch nur ein Traum.“ Er sah sie eine Weile an. Dann trat er näher. Und näher. Noch näher. Sie schien zur Eissäule erstarrt. Zärtlich streiften seine Finger ihre Wange. Näherten sich seine Lippen ihrer Stirn. Ergriffen seine Hände die ihren.
Er hatte seine Entscheidung getroffen. Und beide lösten sie sich aus dieser wunderbaren Welt.

Sag niemals, dass so etwas nicht möglich ist. Niemand kann sich etwas einfach so ausdenken, ohne dass ihm vorher nicht etwas dergleichen bekannt war. Es ist wahr, und ehrlich. Auf seine Weise. Und es ist nicht gesagt, dass nicht auch dein Leben verzaubert sein kann. Du musst es nur zulassen.

von Jaelle


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